Ich. Literarisch, emotional, echt.

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Grauer Ernst

Wenn Du Deine Feinde und Ängste träumst, sollen sie gefälligst auch so aussehen, und nicht plötzlich einschüchternd schön sein, so wie die Realität sie nie malt. In der Realität halten sich alle für die Guten. Den Bösewicht, der kaltblütig einfach so James Bonds Braut erschießt, den gibt es gar nicht so oft. Die meisten denken, sie seien im Recht während sie anderen Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten antun. Das Böse soll kahlköpfig sein und wahnsinnig vor sich hin lachen, während es seine weiße Katze streichelt. Und selbst Blofeld glaubt wahrscheinlich, er sei absolut zurechnungsfähig und handelte nachvollziehbar, wenn auch genial.

Donnie Darko hat Jim Cunninghams Haus angezündet, und dabei einen Kinderpornoring aufgedeckt. Aus der bösen Untat, die der Wahnsinn ihm eingetrieben hat, wurde die heldenhafte Aktion, die der Gesellschaft einen Dienst erwiesen und der Gerechtigkeit genüge getan hat.

Natascha Kampusch hat Grausameres durchlebt als ich mir auch nur im Entferntesten vorstellen kann. Trotzdem wehrt sie sich gegen den Begriff „Stockholm-Syndrom“ inständig. Trotz der ungeheuren Taten des Menschen, der ihr die Jugend gestohlen und sie täglich brutal misshandelt hat, besteht sie darauf dass es normal ist, in dem Täter, der jahrelang der einzige Mensch in ihrem Leben war, auch Gutes zu erkennen. Das mit einer Diagnose abzutun, spricht ihr jegliche Fähigkeit zu empfinden ab.

Sie erkennt Facetten. Ich habe großen Respekt davor, dass sie sich das bewahrt hat, auch wenn ich es nicht in vollem Umfang nachvollziehen kann. Vielleicht kann das niemand, der nur gelesen hat was sie erleben musste.

Wir kategorisieren ja so gerne das Böse. Die Lobbies, den Terror, den Kapitalismus, den wasserköpfigen Staat. Das geht noch weiter. Viele sehen das Böse auch in denen, die ihre Wäsche mit Weichspüler waschen oder weiter bei Amazon kaufen oder ihre Hundekacke nicht aufheben. Die Gesellschaft verteufelt Magermodels, die unserer Jugend ein falsches Schönheitsideal suggerieren, die Burgerketten, die einen von eben diesem Ideal wegtreiben weil sie einem ihren Fraß aufzwingen. Die einen protestieren gegen die Windkrafträder, die die Fauna stören, die anderen gegen die Atomkraftwerke, die uns alle ins Verderben stürzen wenn einer der vielen anderen Feinde eines Tages auf die Idee kommt, sich so eine tickende Zeitbombe zu Nutzen zu machen.

Das Böse ist überall und sieht für jeden anders aus. Facebook, der Fernseher, alles und jeder ist irgendjemandes Lord Voldemort. Feindbild an Feindbild prasseln die verschiedensten Gesichter des Bösen auf uns ein, in den Medien, auf der Straße, in unserem Leben. Sie ändern sich mit der Zeit, genau wie wir selbst, und geben sich die Klinke in die Hand.

Das Gute ist da so viel beständiger. Es bleibt länger und man sieht es lieber und klarer. Und man will auf seiner Seite sein. Ist überzeugt, dass man auch zu den Guten gehört. Das gilt mit Sicherheit für die meisten von uns.

Schwarz und weiß. Gut und Böse. Aber wer Facetten sehen will, der kennt auch Grau. Und der muss in Erwägung ziehen, dass er nicht immer James Bond sein kann. Für irgendjemand anderes ist man vielleicht selbst das Feindbild. Das Böse. Blofeld. Goldfinger. Oder, Gott bewahre, Philipp Rösler.

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Corsaprosa

Rost.
Jahr um Jahr mehr.
An Dir, an mir, an allen. Rost. Und Trost.
In meinem blauen Auto war ich noch nie blau. Darauf bin ich stolz.
Rost macht mir ja nix. Aber dafür Dir die Kälte.
Rost…
Irgendwann springst Du nicht mehr an. Und dann bist Du nicht mehr zu retten. Darf man eigentlich den Schrottwürfel mitnehmen, wenn man seine Karre hat pressen lassen? Dann wärste am
Ende ein putziger Hocker.
Schrottpresse. Erinnert mich an Saft, der scheiße schmeckt. Vielleicht aus Sauerkraut oder Zwiebeln. Nur schmieriger. Wie das Zeug am Boden der Mülltüte. Abfallsaft, hat mal irgend einer getwittert. Ich weiß nicht mehr wer. Der Twittervogel is ja auch blau.

Nein. Mein Auto riecht ja immer gut. Nach Rauch und Wunderbäumchen und meinem Parfum. Beständig. Wie der Rost. Da kommt bestimmt was duftiges raus. Veilchenbenzin.
Wenn einer mein Auto lila genannt hat, hab ich ihn ja erst angeschnauzt. Vielleicht hatten die nur so ne Sehschwäche. Auf jeden Fall keine Ahnung. Mein Auto is blau. Und braun. Vom Rost, weißte?
Ein Veilchen hatte ich noch nie. Ich bin froh drüber; am dritten Tag hätte es farblich gar nicht mehr zur Karre gepasst.
Wenn mein erstes Auto irgendwann nicht mehr kann, kauf ich mir blauen Nagellack. Der rostet auch nicht. Irgendwie schade.


Frank

Unser Podcast. So lange haben wir noch nie von Aufnahme zu Veröffentlichung gebraucht. Aber wir stehen ja noch ganz am Anfang mit unserem Format. Wir finden uns noch. Mit der Zeit wird das sicher einfacher. Frank und Björn haben wir aufgenommen beim letzten Mal. @Hyp3rfux und @NikSput. Sonntag Abend sollte ich den Link bekommen, um die geschnittene Version gegen zu hören. Gestern hätten wir veröffentlichen können.

Wir haben nicht veröffentlicht. Frank ist nicht mehr da. Frank ist der, von dem sie seit zwei Tagen alle reden.

Wenn ihr vor zwei Tagen seinen Accountnamen bei Twitter eingegeben habt, konntet ihr tausende Tweets lesen. Nach seinen Abschiedstweets, welche Bilder von Tabletten und von Bahngleisen enthielten, folgten verzweifelte Rettungsversuche aus unseren Reihen, es wurde abgetan als attention whoring, Frank wurde angefeindet dafür dass er nicht mehr leben will, oder dafür dass er es erst gesagt hat als es längst zu spät war.

In der Nacht auf Montag war es fast wie ein modernes Märchen. Es schien, als hätten jene beherzten Twitterer, die sofort reagiert haben und den Vorfall bei der Polizei meldeten, das Leben eines jungen Mannes retten können. Selten kommt es vor, dass Twitter ein „WIR“ formt, aber in dieser Nacht waren die Gedanken unzähliger User bei Frank. Doch es gab kein Happy End.

Ich hab das alles erst erfahren, als Frank bereits von den Gleisen geborgen worden war. Schwerstverletzt hieß es. Aber es las sich, als hätte er eine zweite Chance bekommen.

Hat er nicht. Frank ist gestorben. Frank hat sich umgebracht.

Ich hab höchstens vier Stunden meines Lebens damit verbracht, mit Frank zu reden, und zwar nur während besagter Podcastaufnahme. Und trotzdem werde ich noch lange daran denken, was hier geschehen ist. Mich fragen warum. Mich fragen ob man Franks Tweets der letzten Wochen hätte entnehmen müssen, dass er Hilfe braucht. Mich fragen warum so viele Menschen meinen, sich abfällig über das alles äußern zu müssen. Mich fragen, warum Menschen so anmaßend sind, beurteilen zu wollen, was er getan hat. Vor allem frage ich mich, ob er am Sonntag, als er aufgestanden ist, geahnt hat was er tun würde.

Ich werde nicht mehr erfahren was Frank für ein Mensch war. Absurd, denn ich hätte das wahrscheinlich auch nicht erfahren wenn er hätte weiterleben wollen. Jetzt höre ich mir den Podcast an, höre die Stimme eines jungen Mannes der seinem Leben vor nicht mal 48 Stunden selbst ein Ende gesetzt hat und komme nicht umhin, mich zu fragen ob man etwas düsteres in seiner Stimme erkennt. Ob er unglücklich klingt.

Ich kann es nicht hören. Nichts daran klingt nach Ende. Ich höre die Stimme von jemandem, der vielleicht ein wenig schüchtern ist, sympathisch und lustig aus der Versenkung heraus.

Keine Ahnung wieviele Tweets und Blogbeiträge über Frank ich inzwischen gelesen habe. So genau weiß ich auch nicht, warum ich jetzt das Bedürfnis verspüre, dem noch einen hinzuzufügen. Vielleicht ist es, weil wir Sprechwaisen hier einen kleinen Teil einer Person in Ton konserviert haben, die nicht mehr sprechen wird. Vielleicht weil sowohl Frank selbst als auch die User, die sich ins Zeug gelegt haben seinen Selbstmord zu verhindern, mich einmal mehr daran erinnern konnten, dass Menschen hinter den Accounts sitzen und es sich nicht nur um virtuelle Unterhaltungslieferanten handelt.

Für mich werden Franks letzte Worte diese sein: https://twitter.com/hyp3rfux/status/241976892884914176