Ich. Literarisch, emotional, echt.

Emotional

Weinnichtnachten

Und alle stehen sie gerührt von der Überdosis Besinnlichkeit vor den Schaufenstern. Cellophanknistern und Billigglühwein sind es, die in dieser Zeit die Sinne betören.

Doch wegbetäubt wird, dass sich nichts ändert durch Glimmer und Gesang, durch Engelsflügel und Andacht. Wenn sie im Januar ihre weihnachtlichen Wohlstandswänstchen beweinen, sehen sie Christi Geburt in einem anderen Licht. Immerhin, die Schwangerschaftsstreifen bleiben in dem Fall wenigstens aus.

Es ist nicht der Grinch, der aus mir spricht.
Ich will euch nicht eure weihnachtliche Freude verderben, und ich neide sie euch genauso wenig. Auch will ich keine Kommerzrede halten, oder pseudomoralistischen Kram über die ungerechte Verteilung von Gütern aus globaler Sicht verzapfen.

Es ist nur eine Frau, die das falsche Grinsen und die aufgesetzte Welt derer nicht erträgt, die eben jene weihnachtliche Freude nur aus ihrem Kalender ablesen.

Habt ein Fest der Liebe! Aber nicht, weil geboren ward die Frucht Gottes imaginärer Lenden, sondern weil ihr liebt und lebt und seid. Jeden Tag.

Dann bleibt nämlich der Weihnachtskater aus, wenn alles wieder nur kalt und matschig ist, und Menschen grausam zueinander, Waage und Konto dafür zu uns.

Und wer dieses nun las und für geschwollenen Kitsch hielt, der piekse sich an jeder Tanne, spüre jedes Weihnachtsplätzchen am Druck seines Hosenknopfs, trete in lauwarme Rentierscheiße und erhalte seine Geschenke alle aus dem online-Shop von Dieter Nuhr.

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Abrechnen

Ich bin nicht nachtragend. Ich kann verstehen, vergeben, verzeihen. Ich kann Schwamm drüber sagen und es auch so meinen. Ich kann. Fast immer.

Aber es gibt eine Ausnahme. Eine Erbse unter meiner Matratze des verantwortungsvollen Erwachsenseins. Ich hab weiß Gott genug Probl… Moment. Weiß Gott? Da fängt’s schon an. Wer hat mir denn so blöde Floskeln beigebracht, die ich weder glaube noch unterstütze..? Sofern es einen Gott gibt, dann weiß der von nichts, sonst hätte er keine Pickel erschaffen und ähnliche Annehmlichk…

Was schweif ich denn schon wieder ab?! Komisch, dass es bei dem blöden, großen und leeren Wort Gott passiert ist. Darum geht’s nämlich. Oh. Mann. Tja, Traude, ich widme Dir einen ganzen Blogartikel und schon höre ich mich wieder an wie das aufmüpfige Mädchen von damals. Und ich tu’s trotzdem. Und zudem tu ich’s gern!

Warum ich Dich auf einmal duze, liebe Traude? Weil ich Dir jetzt genauso viel Respekt entgegen bringe, wie Du mir einst. Nämlich keinen.

Traude mag Gott. Traude lehrt nämlich Religion, müsst ihr wissen. Aber nicht mich. Ich habe mich derartigem so früh wie möglich entzogen. Mich lehrte Traude Deutsch in der Oberstufe. Ich musste Goethes Faust und Oskar Matzerath mit ihr teilen. Sie zwang mich an der Seite des Prinzen von Homburg zu reiten und wollte, dass wir alle ein bisschen in Venedig sterben. Es hat mir übrigens nicht geschadet, dass ich noch nie ein Buch von Thomas Mann zu Ende gelesen habe.

Traude zeigte uns romantische Gedichte und buk Sauerkrautkuchen. Weltoffene Philanthropen, wie man sie in allen ländlichen Schulen kennt. Bildungsaffin und mit der Mission, uns alle als ebensolche in die Welt zu entlassen. Zu diesen zählt sich Traude. Und wahrscheinlich zu Recht.

Leider erkennst Du meines Erachtens nur zwei Sorten von Menschen, liebe Traude. Jene, die das Potential haben, so zu werden wie Du. Jene, die Du in der Zukunft als Dir gewachsene, intelligente Studenten sehen kannst, die ihren Weg im Leben ohne Umschweife gehen und deren Erfolg nur ein angenehmer Nebeneffekt ihrer Wissbegierde und des kulturellen Interesses ist. Rechtschaffene Bürger, denen man die Adoleszenz zwar noch in den Gesichtern ansieht, sie aber in ihrem Handeln und ihren Werten nicht mal mehr erahnen kann.

Und dann sind da noch die, denen Du helfen kannst. Problemkinder. Denn die brauchen Dich. Da kann man ganz wunderbar engagiert sein, erntet Beifall und Dankbarkeit und falsch machen kannst Du auch nichts, denn sollten Deine Bemühungen einmal umsonst sein, sind die Umstände ein ebenso dankbarer Schuldiger, der nur zu gern den schwarzen Peter für Dich festhält. Und sollte Deine Hilfe Früchte tragen, so trägst Du diese mit stolzem Strahlen. Wer kann es Dir verdenken?

Das Problem ist, dass Traude genau wie viele andere Lehrer damit den Großteil ihrer Schüler einfach übersieht. Es bleibt nichts als eine graue Masse derer, die zu schüchtern sind um ihr Potential zur Schau zu stellen, oder die sich einfach nicht genug für das interessieren, was Traude zu sagen hat. Mangelnde Begeisterung ist vielleicht für alle Menschen ein persönlicher Affront. Wir alle wollen, dass man an unseren Lippen klebt, da wir das, was wir zu sagen haben, für interessant halten. Und hier stehe jetzt ich, die fragt: HAT MAN EUCH IN EUREN PÄDAGOGIKSEMINAREN DENN NICHT BEIGEBRACHT, WIE MAN DAMIT UMGEHT, WENN NICHT?

Ich bin wohl doch ein bisschen erwachsen geworden, denn genau wie alle Erwachsenen, denen ich niemals nacheifern wollte, komme ich nicht zum Punkt. Ich möchte hier schließlich keine Strafen anprangern, die ich von Dir bekam, oder Aufmerksamkeit für mein vermeintliches Talent einfordern, die ich wahrscheinlich nicht einmal ertragen hätte. Wenn es Strafen gab, hab ich die vielleicht sogar verdient. Dein Lob wäre mir heute ohnehin nichts mehr wert. Von Deinem Verständnis könnte ich meine Miete auch nicht bezahlen.

Mir geht es um etwas ganz anderes, das mich scheinbar heute, nach über sieben Jahren, noch immer genug piekst, dass ich einen ganzen Blogartikel darüber verfasse.

Zwei Jahre lang haben wir zu sechzehnt viele Stunden in einem kleinen Raum verbracht. Zwei Jahre lang haben wir uns nahezu täglich in die Augen gesehen. Zwei Jahre lang war es Dein Job, mir was beizubringen und auf mich einzugehen. Zwei verfickte Jahre lang. Und als wir uns zum letzten Mal sahen, HAST DU MICH IMMER NOCH MICHAELA GENANNT!

Michaela!

Ich mein, HALLO?

Weder klingt mein Name auch nur im Entferntesten wie Michaela, noch hatte ich mit diesem Mädchen auch nur im Entferntesten irgendwas gemeinsam bis auf den breiten Arsch! Dieses Mädchen war das genaue Gegenteil von mir, und ich weiß, es spricht nicht für mich, dass ich diesen Blog jetzt an Dich gerichtet habe. Ich hätte ihn an Michaela richten sollen, die ich jeden Tag auf’s gemeinste verflucht habe, weil sie das letzte war was ich sein wollte. Dabei konnte sie genauso wenig für Deine Verfehlung wie ich, und sie hatte jedes Recht, brav und ungeschminkt und angepasst zu sein und am Wochenende lieber zuhause zu bleiben und ein Buch zu lesen als wie ich mit ihren Freunden einen trinken zu gehen. AUSSERDEM HATTE SIE VERDAMMT NOCH MAL DAS RECHT, VON IHRER LIEBLINGSLEHRERIN MIT DEM RICHTIGEN NAMEN ANGESPROCHEN ZU WERDEN!

Ich bin sicher, Michaela war diese Angelegenheit mindestens so unangenehm wie mir. Warum hätte sie auch mit dem rothaarigen Störenfried verwechselt werden wollen, die man an ihren schwarzen Klamotten und den verschränkten Armen erkannte?

Ich versuch’s jetzt mal versöhnlich, Traude. Du bist Lehrer. Du musst wissen, wer vor Dir sitzt. Es hat Dich zu interessieren, wer Deine Schüler sind, denn Du formst sie für ihr Leben. Lehrer haben Einfluss und das sollte kein Beruf, sondern eine Berufung sein.

Ich hoffe, ich werde Dir irgendwann verzeihen, auch wenn Du Dich nie entschuldigt hast. Und ich hoffe, auch Michaela kann das.

Und um es mit Goethe zu sagen: Allein der Vortrag macht des Redners Glück.

Mit freundlichen Grüßen

VERDAMMT NOCH MAL NICHT MICHAELA!

PS: wie es ebenfalls bei Faust heißt:

„Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen

Gewöhnlich aus dem Namen lesen.“


Erinnerung

Das erste Jahr, in dem ich Deinen Todestag vergessen habe. Das zehnte, ausgerechnet. Das erste Mal, dass Du mir mehrere Monate lang nicht im Traum erschienen bist. Ich weiß nicht mal, wie ich dazu kam plötzlich an Deinem Grab zu stehen. Zufälle, viele davon, aneinander gereiht wie kleine Glasperlen auf einer Kette. Völlig bedeutungslos als einzelne, aber sinnig im Ganzen.

Das erste Mal, dass ich keine Blume für Dich hatte. Aber auch das erste Mal seit Jahren, dass ich Fuß auf den Friedhof setzte, der viel zu früh Deine letzte Ruhestätte wurde.

Ich denke nicht gern an Dich. Du hast zwei Mal mein Leben verändert, in kürzester Zeit. Du warst der erste, den ich liebte. Die Welt stand still als Du mich verlassen hast. Tatsächlich kamst Du wieder. Vier Tage später warst Du tot. Dein Herz stand still, und ich konnte nicht begreifen dass alle sagten, die Welt würde sich weiter drehen. Du warst der erste, der mich Vergänglichkeit lehrte.

Tausendmal hätte ich den Schmerz meines gebrochenen Herzens neu durchlebt, hätte Deins dafür weiter schlagen dürfen.

Achtzehn warst Du, VERDAMMT!

Ich war aus dem Takt, für lange Zeit. Ich wurde eine andere. Die Trauer um Dich hielt lange an, doch fast noch länger die Wut auf das was sie Schicksal nennen. Ich fragte mich so viele Jahre lang, wie ich heute wäre, wärst Du nicht einfach gestorben. Ob ich mir mehr von der Unbeschwertheit meiner Jugend hätte bewahren können, ob ich an Gott glauben könnte, ob ich Optimistin geblieben wäre und nicht ständig ein WARUM??? hinter meiner Stirn trüge. Vielleicht stünde mir dann heute meine Nachdenklichkeit nicht ständig im Weg wie ein starrer Betonklotz. Vielleicht hätte ich aber auch nur auf einem anderen Weg zu meinem heutigen Selbst gefunden.

Die Frage, wie Du heute wärst, würdest Du noch leben, die tauchte erst jetzt auf. Das kam mir gar nicht in den Sinn. In meinem Kopf warst Du immer noch 18 und wirst es immer bleiben.

Du wärst 28, Du könntest Kinder haben, eine Frau, das Leben das für Dich gedacht war. Das Leben das Du verdient gehabt hättest. Doch kaum hatte es begonnen, da war es schon vorbei.

Hättest Du mich doch bloß beim zweiten Mal genauso verlassen wie beim ersten Mal. Dich nur umgedreht und den Weg geändert, statt ihn zu beenden… Die Tränen, die ich vergossen hatte bei dem Ende von „uns“, sie wirken lächerlich profan neben jenen, die wir alle weinten nach dem Ende Deines Seins.

Ich bin wieder im Takt. Intakt. Aber vergessen werde ich Dich wohl niemals. Nur verschwimmt der, der Du warst immer mehr; was gestochen scharf ist, ist die Erinnerung an diesen grausamen Schmerz und das Wissen über die Ungerechtigkeit die sich Leben nennt.


Sternschnuppe

Tante Wiki sagt, Sternschnuppen sind kleine Meteore. Ich sage, Sternschnuppen sind wunderschön.

Ich hab erst einmal eine gesehen. Habe inne gehalten, sie bewundert. Sekunden. Nicht länger. Dann lief die Zeit einfach weiter. Ich weiß nicht mal mehr was ich getan hab als es passiert ist. Ich weiß nicht mehr wo ich war, oder mit wem. Das macht mich traurig.

Ich denke oft daran, wer diese Sternschnuppe wohl noch gesehen hat. Ob diese Menschen sich noch daran erinnern was sie getan haben.

Ich denke an eine Frau. Irgendwo auf dem Land. Ihr Ehemann kommt aus der Kneipe. Besoffen. Die Kinder liegen schon im Bett und schlafen, sie hat die Hausarbeit erledigt und ist müde. Er will vögeln, sie will sich verweigern. Er lässt sie nicht. Während er sich nimmt, wovon er meint dass es ihm zusteht, sieht sie durch einen Tränenschleier aus dem Fenster und entdeckt meine Sternschnuppe. Sie hat ganz sicher nur einen einzigen Wunsch. Dass es bald vorbei ist.

Ich denke an ein Paar. Irgendwo in der Stadt. Sie sitzen an einer Bushaltestelle und führen das Gespräch fort, zu dessen Ende sie im Restaurant nicht gekommen sind. Sie wollen verschiedene Dinge. Sie lieben sich nicht mehr genug. Sie haben Angst einander gehen zu lassen und hoffen auf den heilenden Kompromiss. Doch in ihrem tiefsten Innern wissen sie, dass es den nicht geben wird. Weil sie das Gesicht des andern nicht mehr ansehen können, blicken sie zum Himmel und sehen meine Sternschnuppe. Sie haben ganz sicher nur einen einzigen Wunsch. Dass es noch eine Chance für sie gibt.

Ich denke an einen alten Mann. Seine Frau ist schon seit Jahren tot und er vermisst sie jeden Tag aufs Neue. Ohne sie ist sein Leben nichts mehr wert. Jeder Tag ist eine Qual. Schlaf kennt er gar nicht mehr. Seine Kinder führen ihr eigenes Leben und er will es ihnen nicht beschweren. Deshalb behält er seinen Kummer für sich, jeden einzelnen Tag. Er ist am späten Abend zum Friedhof gegangen. Er steht am Grab der Liebe seines Lebens und weint weil sie nie wieder kommt. Dann fällt ihm meine Sternschnuppe auf. Er hat ganz sicher nur einen einzigen Wunsch. Dass er bald bei seiner Liebsten sein darf.

Ich denke an ein Mädchen. Sie hat sich mit ihren Freunden auf einer Party besinnungslos getrunken. Am Anfang war alles noch ganz lustig. Sie hat mit Kevin geknutscht und er hat ihr sogar an die Brust gefasst. Aber sie trinkt zum ersten Mal, und deshalb ist sie schnell außer Gefecht. Das finden die anderen weniger lustig. Kevin und seine Freunde haben sie in ihrer eigenen Kotze liegen lassen. Wahrscheinlich haben sie sich geekelt. Als sie die Augen aufschlägt, sieht sie erst gar nichts. Dann sieht sie die Sternschnuppe durch das Dachfenster des Gästebades der Eltern der Gastgeberin. Sie hat sicher nur einen Wunsch. Dass sie sich nie wieder so fühlen wird.

Ich ersinne unzählige solcher Szenarien. Die einen dramatisch, die andern alltäglich. Manche unendlich traurig, andere profan. Dies ließe sich endlos fortführen.

In Wahrheit hätte keiner meiner Protagonisten meine Sternschnuppe bemerkt. Wäre mir an jenem Abend etwas widerfahren, woran ich mich heute noch erinnern könnte, dann hätte ich sie auch nicht gesehen. Hätte ich an diesem Tag einen Wunsch gehabt, so groß und so wichtig und in diesem Moment so bedeutend für mich wie die Wünsche der von mir erdachten Gestalten, so würde ich es noch wissen und könnte berichten, ob er sich erfüllt hat. In den von mir ersonnenen Szenarien hat man keinen Blick für die Sterne am Himmel.

Keinen dieser fiktiven Charaktere beneide ich um sein persönliches Drama, und doch wüsste ich gerne, was ich da getan habe, als ich meine einzige Sternschnuppe gesehen hab.

Ich denke auch an Dich. Was hast du wohl gemacht, damals, als ich meine Sternschnuppe gesehen hab? Vielleicht hast Du sie auch gesehen. Einfach so. Vielleicht hast Du dir was gewünscht dabei. Vielleicht hat es sich erfüllt.


Phantomschmerzen

Ich hab mir ein Bein abgehackt. Metaphorisch gesehen.

Das Bein ist ein Mensch, der mich zehn Jahre begleitet hat. Ein Mensch, von dem ich tatsächlich zeitweise dachte, er würde dies mein Leben lang tun. Ein Mensch den ich glaubte zu kennen.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Dieser Mensch war mir lange eine wichtige Stütze. Er begegnete mir als ich 15 war und ich glaube er hat mich geliebt. Einst. Und ich liebte ihn wider und stützte auch ihn. Ich war ihm auch ein Bein. Wir trugen einander. Ich trug ihn weiter als ich es vermochte. Irgendwann trug nur noch ich ihn, und er verließ sich darauf.  Mein Bein wurde krank. Es stützte mich nicht mehr.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Aus dem was ich für Liebe hielt wurde etwas wenig liebenswertes. Der Mensch, den ich für meinen Gefährten hielt, hasst sich selbst. Ich hielt ihn davon ab, sich weh zu tun. Dafür tat er mir weh. Die Zukunft, die ich vor Augen hatte, zerfiel zu Staub. Genauer gesagt wurde sie zertreten. Dieser Mensch war ein Teil von mir, aber unsere Verbindung war krank und entzündet und brachte nur noch Pein.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Ich habe versucht uns zu heilen. Ich habe versucht an uns zu glauben. Ich hielt fest und hab gekämpft. Ich hätte alles getan um zurück zu holen was wir einst waren. Aber dieses „uns“ gab es nichts mehr. Man tat mir weh und ich ließ es zu.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Nach all den Jahren musste ich erkennen, dass alles was mich hielt die Angst war, alleine zu laufen. Ohne meine Stütze. Ohne diese Person, die mich hat erwachsen werden sehen und durch die ich wurde wie ich heute bin. Eine Welt, in der er nicht existierte, war nicht vorstellbar für mich. Dabei habe ich die Tatsache verdrängt, dass ich nur ohne ihn wieder glücklich werden konnte. Dass der Schmerz, den er mir täglich bereitete, unerträglich geworden war. Dass eine Welt ohne ihn eine bessere Welt sein könnte.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Er nahm meine Unterstützung, und gab mir nichts zurück. Ich wurde immer schwächer und konnte ihn nicht mehr tragen. Ich habe vergessen wer ich war und wie es ist wenn man etwas fühlt. Alles was ich tat war aushalten. Das Pochen dieses Schmerzes wurde lauter und lauter. Unsere Bindung war nur noch ein Schatten dessen was ich vor mir sah. Sehen wollte. Aber ich bildete mir lange ein, ich könnte es zurück holen.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Und das war richtig. Nur so konnte ich heilen. Ich musste ihn verlassen um nicht selbst zu vergehen. Von mir war doch sowieso kaum noch was übrig. Ich war eine leere apathische Hülle, und das was einst Liebe gewesen war, war zu einer schmerzhaften schreienden Entzündung mutiert, die nicht mehr genesen konnte. Das Bein musste ab.

Also hab ich mir ein Bein abgehackt.

Ich ließ ihn zurück. Er hat nicht versucht mich zu halten. Er sagt, er hat nicht gekämpft weil er nicht wisse was er mir noch alles anzutun vermocht hätte. Ich glaube aber er hat nicht gekämpft, weil ich ihm ohnehin keine Stütze mehr war. Ich war nutzlos geworden. Alle Worte, die gesagt werden konnten, um mir weh zu tun, waren gesagt. Alles weitere ging ins Leere. Dadurch, dass es mir nicht mehr hätte schlechter gehen können, ging es ihm auch nicht mehr besser. Ich konnte ihm nichts mehr geben. Ich war leer.

Ich kann gut leben ohne dieses metaphorische Bein. Ich vermisse dieses Bein nicht. Es gibt Momente, in denen ich Schmerzen habe. Phantomschmerzen. Es ist nicht der Verlust, der mir weh tut. Der Verlust tat mir gut. Aber wenn man so viele Jahre mit jemandem verbracht hat und Höhen und Tiefen durchlebt -ja, einst gab es auch Höhen- dann ist da dieses schwarze Loch neben einem Selbst.

Es ist eben so, als habe man sich ein Bein abgehackt. Ein krankes, entzündetes, lebensgefährliches Bein. Gerade noch rechtzeitig.

Zumindest hoffe ich, dass es nicht zu spät war. Dass der Schaden, den ich dabei davon getragen habe, sich in Grenzen hält. Ich hoffe es. Und dass ich noch in der Lage bin zu hoffen, ist ein gutes Zeichen.

Aber was weiß ich schon. Ich hab mir ein Bein abgehackt. Im letzten Moment.


Um zu sehen musst du erkennen.

Gesenkter Blick schützt nicht davor, gesehen zu werden

Ein gesenkter Blick schützt nicht davor, gesehen zu werden. Nie wirst du beeinflussen können, wie du wahrgenommen wirst. Alle werden dich anders sehen, als du dich fühlst. Deine Wirkung wird sehr oft eine andere sein, als du glaubst. Nur wenn du die Augen öffnest, und dich in den leuchtenden Pupillen derer erkennst, die dich schätzen, kannst du die Ungewissheit darüber ertragen, wie du gesehen wirst. Denn wenn du jene auch zu schätzen weißt, kann es dir nicht egal sein wie sie dich sehen. Ob sie dich sehen.

Öffne die Augen, damit du erkennst, wer dich sieht. Öffne die Augen, damit du erkennst, wer sich lohnt, gesehen zu werden. Augen lügen nicht, so lange sie ansehen.