Ich. Literarisch, emotional, echt.

Echt

Dieser Tag

Er fühlt sich an wie die erste Seite eines neuen Buchs. Meistens steht da noch nicht mehr als eine Widmung.
Ein neues Jahr ist wie ein Buch, von dem jemand den Einband geklaut hat. Man weiß nicht was drin steht und kann auch keine Amazon-Rezensionen oder Kommentare zur Spiegel-Bestsellerliste zu Rate ziehen. Spannend, eigentlich. Dann hoffen wir mal, das Genre sagt uns zu.
Wenn wir ehrlich sind wäre es wohl auch ziemlich schade, gleich zur letzten Seite zu blättern. Und wer weiß, vielleicht wird es ja filmreif.


2013

Hallo!


2012

Liebes Jahr,
Du magst wirklich nicht gerade reibungslos gelaufen sein, aber Du enthieltest den perfekten Moment, und noch viele weitere wahrhaftig schöne. Dein Soundtrack war genial und unsere Träume und Pläne haben dazu getanzt.
Du wirst Dich vergleichsweise leise aus dem Staub machen, und Deine Ablöse steht schon ganz nervös vor der Tür, mit den Hufen scharrend.
Wir kennen Deinen Nachfolger nicht. Wenn Du nachher abklatschst, den Staffelstab übergibst oder wie auch immer ihr das handhabt, sag ihm bitte, er soll sich doch bitte richtig viel Mühe geben. Vielleicht wird er dann das erste Jahr, das die Menschen halten wollen anstatt es mit Feuerwerk und Gebrüll mitsamt der bösen Geister zu verjagen.

Also, liebes Jahr. Sei nicht traurig wenn wir Dich wegschicken. Frag Deine Vorgänger, das gehört so. Den perfekten Moment allerdings, den kannst Du nicht mitnehmen. Der bleibt bei mir.

Noch nie war dies Wort so ehrlich und von Herzen gemeint wie heute:

2012, bittedanketschüss.


Abrechnen

Ich bin nicht nachtragend. Ich kann verstehen, vergeben, verzeihen. Ich kann Schwamm drüber sagen und es auch so meinen. Ich kann. Fast immer.

Aber es gibt eine Ausnahme. Eine Erbse unter meiner Matratze des verantwortungsvollen Erwachsenseins. Ich hab weiß Gott genug Probl… Moment. Weiß Gott? Da fängt’s schon an. Wer hat mir denn so blöde Floskeln beigebracht, die ich weder glaube noch unterstütze..? Sofern es einen Gott gibt, dann weiß der von nichts, sonst hätte er keine Pickel erschaffen und ähnliche Annehmlichk…

Was schweif ich denn schon wieder ab?! Komisch, dass es bei dem blöden, großen und leeren Wort Gott passiert ist. Darum geht’s nämlich. Oh. Mann. Tja, Traude, ich widme Dir einen ganzen Blogartikel und schon höre ich mich wieder an wie das aufmüpfige Mädchen von damals. Und ich tu’s trotzdem. Und zudem tu ich’s gern!

Warum ich Dich auf einmal duze, liebe Traude? Weil ich Dir jetzt genauso viel Respekt entgegen bringe, wie Du mir einst. Nämlich keinen.

Traude mag Gott. Traude lehrt nämlich Religion, müsst ihr wissen. Aber nicht mich. Ich habe mich derartigem so früh wie möglich entzogen. Mich lehrte Traude Deutsch in der Oberstufe. Ich musste Goethes Faust und Oskar Matzerath mit ihr teilen. Sie zwang mich an der Seite des Prinzen von Homburg zu reiten und wollte, dass wir alle ein bisschen in Venedig sterben. Es hat mir übrigens nicht geschadet, dass ich noch nie ein Buch von Thomas Mann zu Ende gelesen habe.

Traude zeigte uns romantische Gedichte und buk Sauerkrautkuchen. Weltoffene Philanthropen, wie man sie in allen ländlichen Schulen kennt. Bildungsaffin und mit der Mission, uns alle als ebensolche in die Welt zu entlassen. Zu diesen zählt sich Traude. Und wahrscheinlich zu Recht.

Leider erkennst Du meines Erachtens nur zwei Sorten von Menschen, liebe Traude. Jene, die das Potential haben, so zu werden wie Du. Jene, die Du in der Zukunft als Dir gewachsene, intelligente Studenten sehen kannst, die ihren Weg im Leben ohne Umschweife gehen und deren Erfolg nur ein angenehmer Nebeneffekt ihrer Wissbegierde und des kulturellen Interesses ist. Rechtschaffene Bürger, denen man die Adoleszenz zwar noch in den Gesichtern ansieht, sie aber in ihrem Handeln und ihren Werten nicht mal mehr erahnen kann.

Und dann sind da noch die, denen Du helfen kannst. Problemkinder. Denn die brauchen Dich. Da kann man ganz wunderbar engagiert sein, erntet Beifall und Dankbarkeit und falsch machen kannst Du auch nichts, denn sollten Deine Bemühungen einmal umsonst sein, sind die Umstände ein ebenso dankbarer Schuldiger, der nur zu gern den schwarzen Peter für Dich festhält. Und sollte Deine Hilfe Früchte tragen, so trägst Du diese mit stolzem Strahlen. Wer kann es Dir verdenken?

Das Problem ist, dass Traude genau wie viele andere Lehrer damit den Großteil ihrer Schüler einfach übersieht. Es bleibt nichts als eine graue Masse derer, die zu schüchtern sind um ihr Potential zur Schau zu stellen, oder die sich einfach nicht genug für das interessieren, was Traude zu sagen hat. Mangelnde Begeisterung ist vielleicht für alle Menschen ein persönlicher Affront. Wir alle wollen, dass man an unseren Lippen klebt, da wir das, was wir zu sagen haben, für interessant halten. Und hier stehe jetzt ich, die fragt: HAT MAN EUCH IN EUREN PÄDAGOGIKSEMINAREN DENN NICHT BEIGEBRACHT, WIE MAN DAMIT UMGEHT, WENN NICHT?

Ich bin wohl doch ein bisschen erwachsen geworden, denn genau wie alle Erwachsenen, denen ich niemals nacheifern wollte, komme ich nicht zum Punkt. Ich möchte hier schließlich keine Strafen anprangern, die ich von Dir bekam, oder Aufmerksamkeit für mein vermeintliches Talent einfordern, die ich wahrscheinlich nicht einmal ertragen hätte. Wenn es Strafen gab, hab ich die vielleicht sogar verdient. Dein Lob wäre mir heute ohnehin nichts mehr wert. Von Deinem Verständnis könnte ich meine Miete auch nicht bezahlen.

Mir geht es um etwas ganz anderes, das mich scheinbar heute, nach über sieben Jahren, noch immer genug piekst, dass ich einen ganzen Blogartikel darüber verfasse.

Zwei Jahre lang haben wir zu sechzehnt viele Stunden in einem kleinen Raum verbracht. Zwei Jahre lang haben wir uns nahezu täglich in die Augen gesehen. Zwei Jahre lang war es Dein Job, mir was beizubringen und auf mich einzugehen. Zwei verfickte Jahre lang. Und als wir uns zum letzten Mal sahen, HAST DU MICH IMMER NOCH MICHAELA GENANNT!

Michaela!

Ich mein, HALLO?

Weder klingt mein Name auch nur im Entferntesten wie Michaela, noch hatte ich mit diesem Mädchen auch nur im Entferntesten irgendwas gemeinsam bis auf den breiten Arsch! Dieses Mädchen war das genaue Gegenteil von mir, und ich weiß, es spricht nicht für mich, dass ich diesen Blog jetzt an Dich gerichtet habe. Ich hätte ihn an Michaela richten sollen, die ich jeden Tag auf’s gemeinste verflucht habe, weil sie das letzte war was ich sein wollte. Dabei konnte sie genauso wenig für Deine Verfehlung wie ich, und sie hatte jedes Recht, brav und ungeschminkt und angepasst zu sein und am Wochenende lieber zuhause zu bleiben und ein Buch zu lesen als wie ich mit ihren Freunden einen trinken zu gehen. AUSSERDEM HATTE SIE VERDAMMT NOCH MAL DAS RECHT, VON IHRER LIEBLINGSLEHRERIN MIT DEM RICHTIGEN NAMEN ANGESPROCHEN ZU WERDEN!

Ich bin sicher, Michaela war diese Angelegenheit mindestens so unangenehm wie mir. Warum hätte sie auch mit dem rothaarigen Störenfried verwechselt werden wollen, die man an ihren schwarzen Klamotten und den verschränkten Armen erkannte?

Ich versuch’s jetzt mal versöhnlich, Traude. Du bist Lehrer. Du musst wissen, wer vor Dir sitzt. Es hat Dich zu interessieren, wer Deine Schüler sind, denn Du formst sie für ihr Leben. Lehrer haben Einfluss und das sollte kein Beruf, sondern eine Berufung sein.

Ich hoffe, ich werde Dir irgendwann verzeihen, auch wenn Du Dich nie entschuldigt hast. Und ich hoffe, auch Michaela kann das.

Und um es mit Goethe zu sagen: Allein der Vortrag macht des Redners Glück.

Mit freundlichen Grüßen

VERDAMMT NOCH MAL NICHT MICHAELA!

PS: wie es ebenfalls bei Faust heißt:

„Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen

Gewöhnlich aus dem Namen lesen.“


Julian

Hinter langen Wimpern schauen große Augen zu uns auf. Große, neugierige Augen, die jeden kleinen Reiz aufsaugen. Meistens hat er die ganze Faust im Mund. Manchmal auch das Kinn seiner Mama. Oder das T-Shirt seiner 15-jährigen Cousine, weil er deren Brüste mit denen seiner Mutter verwechselt. Brüste kennt er schließlich nur als zuverlässige Nahrungsquelle. Das wird sich auch noch ändern. Er liegt da unten, zappelt in seinem MaxiCosi rum und ist so niedlich dass man seine Eltern, die ihn in den Raum getragen haben, kaum beachtet. Alle stürzen sich auf dieses kleine Wesen, ein Strauß aus strahlenden Erwachsenenköpfen versperrt ihm gleich die Sicht auf alles andere. Kein Wunder dass er weint. Wer würde dann nicht weinen?

Ein bisschen beneide ich ihn. Er ist ein Baby und er darf jeder Stimmung und jedem Bedürfnis sofort Ausdruck verleihen. Er braucht sich nicht zu scheren um Konventionen und Regeln, er darf weinen und schreien und verzweifeln, und meistens ist bald alles wieder gut. Alle machen alles dafür, dass es gut wird, und das ist richtig. Das gehört so und die Selbstverständlichkeit dessen verhindert, dass beim Klang seines Klagens mein Herzchen bricht.

Vor allem sehe ich ihn an und bin glücklich.

Ich bin glücklich, dass sie, einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, ihn geboren hat. Dass er von vielen Menschen unglaublich geliebt wird und die besten Chancen auf ein tolles Leben hat. Ich bin glücklich, wenn ich sehe, wie glücklich er sie, seine Mutter, macht. Ich bin glücklich, dass ich keinen Funken Neid auf sie verspüre, weil ich nicht die erste war, die die neue Generation in unserer Familie eingeläutet hat. Davor hatte ich Angst. Doch jetzt, wenn ich ihn so ansehe, und er das größte und ehrlichste Strahlen in seinem kleinen Gesichtchen hat, so wie man es ausschließlich von Kindern kennt, da Erwachsene zu einer derart vorbehaltlosen Zufriedenheit gar nicht mehr in der Lage sind… Jetzt, wenn ich ihn in meinen Armen halte und über die wenigen babyweichen Härchen streichele die sein kahles Köpfchen zieren und er mit so viel Kraft an meinen Haaren zieht wie man den winzigen Händchen gar nicht zutraut…

Da bitte ich ihn leise, mir doch beizubringen ein wenig mehr zu sein wie er. Nicht den Teil mit dem in die Windel kacken, nein… sondern den mit dem bedingungslosen Optimismus und der Fähigkeit, die Welt zu nehmen wie sie ist, in sich selbst zu lauschen wie es einem geht, sich Schutz zu suchen und Gehör zu verschaffen.

Ich fürchte fast, die Welt wird auch ihm irgendwann seinen offenen Blick nehmen. Aber ich will meinen Teil dazu beitragen, dass das so lange wie möglich dauert.

Ich mag Dich lieb, kleiner Riese!


Sein

Ja, man kennt das. Jeder sagt Sätze wie: „Das bin ich gar nicht“. Dann wenn er sich selbst überrascht hat. Wenn er was gemacht hat was er für untypisch hält. An sich selbst nicht mag oder womit er sich beeindruckt hat. „Das bin ich gar nicht“. Man ist. Entweder oder. Schwarz oder weiß. Man kann nicht introvertiert und extrovertiert sein. Schüchterne Rampensäue gibt es nicht. Sensibel und resolut. Auch was, das einem keiner abkauft. Man ist. Einmal ein Muster erkannt, schon steckt man fest in diesem Bild. Hat den Stempel auf der Stirn. Steckt in der Schublade. Aber dort ersticken doch all die anderen Facetten.

Ich bin zum Beispiel inkonsequent. Auf meiner Stirn steht „wider besseren Wissens“. Ich zieh nix durch, handele nicht nach dem was ich eigentlich weiß. Ich lasse mich auch viel zu schnell ablenken vom fleißig sein. Gebe Geld aus das ich nicht habe. Inkonsequent inkonsequent inkonsequent. Diese, und einige andere Flaggen hab ich mir selbst gehisst. Etiketten aufgestempelt. Regelrecht eintätowiert. Und mir damit keinen Gefallen getan. So schnell und einfach ruht man sich schließlich drauf aus. Ich kann’s eben nicht besser. Ich BIN halt so. Aber das ist völliger Quatsch!

So leicht will ich es mir nicht mehr machen. Ich bin so viel mehr als ich weiß. Und was ich alles sein kann widerspricht mit Sicherheit oft dem was ich zu sein glaube. Aber solange man einfach nur ist, kann man niemals so sein wie man gerne wäre.

Die Suche nach sich selbst, das habe ich immer für ein geflügeltes Wort gehalten. Aber tatsächlich ist sie eine verdammt spannende Reise, wenn man endlich mal den Mut hat hinzusehen. Man stolpert über sich, manchmal fällt man auf die Schnauze, aber hey – ab und zu ist man vielleicht auch ganz erstaunt darüber, dass man das, was man gerne wäre sogar in sich hat. Und wenn nicht, kann man es vielleicht noch werden. Muss aber nicht.

Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt auch noch grau, und wenn man Glück hat, gibt es sogar schillernd und bunt. Wenn’s mal nur ne Seifenblase war, dann platzt sie halt. Aber so lange sollte man versuchen jede Farbe zu sehen.

Sein ist nicht starr, sein ist ein Prozess. Wir sind nicht nur, wir werden. Was wir waren können wir nicht mehr ändern. Aber wir können uns zur Abwechslung mal genauso genau beobachten wie wir das bei anderen tun und dabei sehr viel lernen.


Wenn sie nicht nur Licht veratmet…

Menschen reden mit ihren Pflanzen. Warum machen die das? Weil sie denken ihre Pflanzen wachsen dann besser? Blühen auf? Oh nein… Es ist viel einfacher. Die Pflanze widerspricht nicht. Nie. Und doch weiß sie alles über uns. Denn sie ist ja immer da. Die geht nicht diskret auf den Balkon, wenn wir hier mit unseren Freunden reden. Sie hört zu. Bei allem. Sie sieht wem wir uns hingeben und wie. Sie hört uns lachen und weinen und leben und schreien, ob vor Verzweiflung oder vor Lust. Wenn sie reden könnte, wahrscheinlich würden wir sie nicht hier behalten. Weil wir nicht ertragen könnten, wie gut sie uns kennt. Weil ihre Nähe uns dann genauso einzuengen vermochte wie die von Menschen. Und von sich selbst gibt sie ja so gar nichts preis. Sie lässt die Blätter hängen wenn sie Durst hat, das ist alles. Genügsames Wesen, diese Pflanze. Deshalb ist so leicht zu vermenschlichen. Sie hört zu, aber sie richtet niemals.

Wir sollten öfter grün tragen. Vielleicht sind unsere Topfpflanzen die besseren Menschen.


Nur weil man lediglich einen winzigen Teil des Himmels sehen durfte, heißt nicht, dass man ihn nicht lieben kann.

Nur weil man nicht der Grund dafür ist, dass er in seiner Vollkommenheit eines Tages wieder strahlen kann, heißt das nicht dass man nicht alles daran setzen würde, dass genau das geschieht.

Nur weil man nicht ist, heißt nicht dass man sein lassen darf.


Phantomschmerzen

Ich hab mir ein Bein abgehackt. Metaphorisch gesehen.

Das Bein ist ein Mensch, der mich zehn Jahre begleitet hat. Ein Mensch, von dem ich tatsächlich zeitweise dachte, er würde dies mein Leben lang tun. Ein Mensch den ich glaubte zu kennen.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Dieser Mensch war mir lange eine wichtige Stütze. Er begegnete mir als ich 15 war und ich glaube er hat mich geliebt. Einst. Und ich liebte ihn wider und stützte auch ihn. Ich war ihm auch ein Bein. Wir trugen einander. Ich trug ihn weiter als ich es vermochte. Irgendwann trug nur noch ich ihn, und er verließ sich darauf.  Mein Bein wurde krank. Es stützte mich nicht mehr.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Aus dem was ich für Liebe hielt wurde etwas wenig liebenswertes. Der Mensch, den ich für meinen Gefährten hielt, hasst sich selbst. Ich hielt ihn davon ab, sich weh zu tun. Dafür tat er mir weh. Die Zukunft, die ich vor Augen hatte, zerfiel zu Staub. Genauer gesagt wurde sie zertreten. Dieser Mensch war ein Teil von mir, aber unsere Verbindung war krank und entzündet und brachte nur noch Pein.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Ich habe versucht uns zu heilen. Ich habe versucht an uns zu glauben. Ich hielt fest und hab gekämpft. Ich hätte alles getan um zurück zu holen was wir einst waren. Aber dieses „uns“ gab es nichts mehr. Man tat mir weh und ich ließ es zu.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Nach all den Jahren musste ich erkennen, dass alles was mich hielt die Angst war, alleine zu laufen. Ohne meine Stütze. Ohne diese Person, die mich hat erwachsen werden sehen und durch die ich wurde wie ich heute bin. Eine Welt, in der er nicht existierte, war nicht vorstellbar für mich. Dabei habe ich die Tatsache verdrängt, dass ich nur ohne ihn wieder glücklich werden konnte. Dass der Schmerz, den er mir täglich bereitete, unerträglich geworden war. Dass eine Welt ohne ihn eine bessere Welt sein könnte.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Er nahm meine Unterstützung, und gab mir nichts zurück. Ich wurde immer schwächer und konnte ihn nicht mehr tragen. Ich habe vergessen wer ich war und wie es ist wenn man etwas fühlt. Alles was ich tat war aushalten. Das Pochen dieses Schmerzes wurde lauter und lauter. Unsere Bindung war nur noch ein Schatten dessen was ich vor mir sah. Sehen wollte. Aber ich bildete mir lange ein, ich könnte es zurück holen.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Und das war richtig. Nur so konnte ich heilen. Ich musste ihn verlassen um nicht selbst zu vergehen. Von mir war doch sowieso kaum noch was übrig. Ich war eine leere apathische Hülle, und das was einst Liebe gewesen war, war zu einer schmerzhaften schreienden Entzündung mutiert, die nicht mehr genesen konnte. Das Bein musste ab.

Also hab ich mir ein Bein abgehackt.

Ich ließ ihn zurück. Er hat nicht versucht mich zu halten. Er sagt, er hat nicht gekämpft weil er nicht wisse was er mir noch alles anzutun vermocht hätte. Ich glaube aber er hat nicht gekämpft, weil ich ihm ohnehin keine Stütze mehr war. Ich war nutzlos geworden. Alle Worte, die gesagt werden konnten, um mir weh zu tun, waren gesagt. Alles weitere ging ins Leere. Dadurch, dass es mir nicht mehr hätte schlechter gehen können, ging es ihm auch nicht mehr besser. Ich konnte ihm nichts mehr geben. Ich war leer.

Ich kann gut leben ohne dieses metaphorische Bein. Ich vermisse dieses Bein nicht. Es gibt Momente, in denen ich Schmerzen habe. Phantomschmerzen. Es ist nicht der Verlust, der mir weh tut. Der Verlust tat mir gut. Aber wenn man so viele Jahre mit jemandem verbracht hat und Höhen und Tiefen durchlebt -ja, einst gab es auch Höhen- dann ist da dieses schwarze Loch neben einem Selbst.

Es ist eben so, als habe man sich ein Bein abgehackt. Ein krankes, entzündetes, lebensgefährliches Bein. Gerade noch rechtzeitig.

Zumindest hoffe ich, dass es nicht zu spät war. Dass der Schaden, den ich dabei davon getragen habe, sich in Grenzen hält. Ich hoffe es. Und dass ich noch in der Lage bin zu hoffen, ist ein gutes Zeichen.

Aber was weiß ich schon. Ich hab mir ein Bein abgehackt. Im letzten Moment.


Nicht suchen. Finden.