Ich. Literarisch, emotional, echt.

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Grauer Ernst

Wenn Du Deine Feinde und Ängste träumst, sollen sie gefälligst auch so aussehen, und nicht plötzlich einschüchternd schön sein, so wie die Realität sie nie malt. In der Realität halten sich alle für die Guten. Den Bösewicht, der kaltblütig einfach so James Bonds Braut erschießt, den gibt es gar nicht so oft. Die meisten denken, sie seien im Recht während sie anderen Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten antun. Das Böse soll kahlköpfig sein und wahnsinnig vor sich hin lachen, während es seine weiße Katze streichelt. Und selbst Blofeld glaubt wahrscheinlich, er sei absolut zurechnungsfähig und handelte nachvollziehbar, wenn auch genial.

Donnie Darko hat Jim Cunninghams Haus angezündet, und dabei einen Kinderpornoring aufgedeckt. Aus der bösen Untat, die der Wahnsinn ihm eingetrieben hat, wurde die heldenhafte Aktion, die der Gesellschaft einen Dienst erwiesen und der Gerechtigkeit genüge getan hat.

Natascha Kampusch hat Grausameres durchlebt als ich mir auch nur im Entferntesten vorstellen kann. Trotzdem wehrt sie sich gegen den Begriff „Stockholm-Syndrom“ inständig. Trotz der ungeheuren Taten des Menschen, der ihr die Jugend gestohlen und sie täglich brutal misshandelt hat, besteht sie darauf dass es normal ist, in dem Täter, der jahrelang der einzige Mensch in ihrem Leben war, auch Gutes zu erkennen. Das mit einer Diagnose abzutun, spricht ihr jegliche Fähigkeit zu empfinden ab.

Sie erkennt Facetten. Ich habe großen Respekt davor, dass sie sich das bewahrt hat, auch wenn ich es nicht in vollem Umfang nachvollziehen kann. Vielleicht kann das niemand, der nur gelesen hat was sie erleben musste.

Wir kategorisieren ja so gerne das Böse. Die Lobbies, den Terror, den Kapitalismus, den wasserköpfigen Staat. Das geht noch weiter. Viele sehen das Böse auch in denen, die ihre Wäsche mit Weichspüler waschen oder weiter bei Amazon kaufen oder ihre Hundekacke nicht aufheben. Die Gesellschaft verteufelt Magermodels, die unserer Jugend ein falsches Schönheitsideal suggerieren, die Burgerketten, die einen von eben diesem Ideal wegtreiben weil sie einem ihren Fraß aufzwingen. Die einen protestieren gegen die Windkrafträder, die die Fauna stören, die anderen gegen die Atomkraftwerke, die uns alle ins Verderben stürzen wenn einer der vielen anderen Feinde eines Tages auf die Idee kommt, sich so eine tickende Zeitbombe zu Nutzen zu machen.

Das Böse ist überall und sieht für jeden anders aus. Facebook, der Fernseher, alles und jeder ist irgendjemandes Lord Voldemort. Feindbild an Feindbild prasseln die verschiedensten Gesichter des Bösen auf uns ein, in den Medien, auf der Straße, in unserem Leben. Sie ändern sich mit der Zeit, genau wie wir selbst, und geben sich die Klinke in die Hand.

Das Gute ist da so viel beständiger. Es bleibt länger und man sieht es lieber und klarer. Und man will auf seiner Seite sein. Ist überzeugt, dass man auch zu den Guten gehört. Das gilt mit Sicherheit für die meisten von uns.

Schwarz und weiß. Gut und Böse. Aber wer Facetten sehen will, der kennt auch Grau. Und der muss in Erwägung ziehen, dass er nicht immer James Bond sein kann. Für irgendjemand anderes ist man vielleicht selbst das Feindbild. Das Böse. Blofeld. Goldfinger. Oder, Gott bewahre, Philipp Rösler.


Corsaprosa

Rost.
Jahr um Jahr mehr.
An Dir, an mir, an allen. Rost. Und Trost.
In meinem blauen Auto war ich noch nie blau. Darauf bin ich stolz.
Rost macht mir ja nix. Aber dafür Dir die Kälte.
Rost…
Irgendwann springst Du nicht mehr an. Und dann bist Du nicht mehr zu retten. Darf man eigentlich den Schrottwürfel mitnehmen, wenn man seine Karre hat pressen lassen? Dann wärste am
Ende ein putziger Hocker.
Schrottpresse. Erinnert mich an Saft, der scheiße schmeckt. Vielleicht aus Sauerkraut oder Zwiebeln. Nur schmieriger. Wie das Zeug am Boden der Mülltüte. Abfallsaft, hat mal irgend einer getwittert. Ich weiß nicht mehr wer. Der Twittervogel is ja auch blau.

Nein. Mein Auto riecht ja immer gut. Nach Rauch und Wunderbäumchen und meinem Parfum. Beständig. Wie der Rost. Da kommt bestimmt was duftiges raus. Veilchenbenzin.
Wenn einer mein Auto lila genannt hat, hab ich ihn ja erst angeschnauzt. Vielleicht hatten die nur so ne Sehschwäche. Auf jeden Fall keine Ahnung. Mein Auto is blau. Und braun. Vom Rost, weißte?
Ein Veilchen hatte ich noch nie. Ich bin froh drüber; am dritten Tag hätte es farblich gar nicht mehr zur Karre gepasst.
Wenn mein erstes Auto irgendwann nicht mehr kann, kauf ich mir blauen Nagellack. Der rostet auch nicht. Irgendwie schade.


Dieser Tag

Er fühlt sich an wie die erste Seite eines neuen Buchs. Meistens steht da noch nicht mehr als eine Widmung.
Ein neues Jahr ist wie ein Buch, von dem jemand den Einband geklaut hat. Man weiß nicht was drin steht und kann auch keine Amazon-Rezensionen oder Kommentare zur Spiegel-Bestsellerliste zu Rate ziehen. Spannend, eigentlich. Dann hoffen wir mal, das Genre sagt uns zu.
Wenn wir ehrlich sind wäre es wohl auch ziemlich schade, gleich zur letzten Seite zu blättern. Und wer weiß, vielleicht wird es ja filmreif.


2013

Hallo!


2012

Liebes Jahr,
Du magst wirklich nicht gerade reibungslos gelaufen sein, aber Du enthieltest den perfekten Moment, und noch viele weitere wahrhaftig schöne. Dein Soundtrack war genial und unsere Träume und Pläne haben dazu getanzt.
Du wirst Dich vergleichsweise leise aus dem Staub machen, und Deine Ablöse steht schon ganz nervös vor der Tür, mit den Hufen scharrend.
Wir kennen Deinen Nachfolger nicht. Wenn Du nachher abklatschst, den Staffelstab übergibst oder wie auch immer ihr das handhabt, sag ihm bitte, er soll sich doch bitte richtig viel Mühe geben. Vielleicht wird er dann das erste Jahr, das die Menschen halten wollen anstatt es mit Feuerwerk und Gebrüll mitsamt der bösen Geister zu verjagen.

Also, liebes Jahr. Sei nicht traurig wenn wir Dich wegschicken. Frag Deine Vorgänger, das gehört so. Den perfekten Moment allerdings, den kannst Du nicht mitnehmen. Der bleibt bei mir.

Noch nie war dies Wort so ehrlich und von Herzen gemeint wie heute:

2012, bittedanketschüss.


Weinnichtnachten

Und alle stehen sie gerührt von der Überdosis Besinnlichkeit vor den Schaufenstern. Cellophanknistern und Billigglühwein sind es, die in dieser Zeit die Sinne betören.

Doch wegbetäubt wird, dass sich nichts ändert durch Glimmer und Gesang, durch Engelsflügel und Andacht. Wenn sie im Januar ihre weihnachtlichen Wohlstandswänstchen beweinen, sehen sie Christi Geburt in einem anderen Licht. Immerhin, die Schwangerschaftsstreifen bleiben in dem Fall wenigstens aus.

Es ist nicht der Grinch, der aus mir spricht.
Ich will euch nicht eure weihnachtliche Freude verderben, und ich neide sie euch genauso wenig. Auch will ich keine Kommerzrede halten, oder pseudomoralistischen Kram über die ungerechte Verteilung von Gütern aus globaler Sicht verzapfen.

Es ist nur eine Frau, die das falsche Grinsen und die aufgesetzte Welt derer nicht erträgt, die eben jene weihnachtliche Freude nur aus ihrem Kalender ablesen.

Habt ein Fest der Liebe! Aber nicht, weil geboren ward die Frucht Gottes imaginärer Lenden, sondern weil ihr liebt und lebt und seid. Jeden Tag.

Dann bleibt nämlich der Weihnachtskater aus, wenn alles wieder nur kalt und matschig ist, und Menschen grausam zueinander, Waage und Konto dafür zu uns.

Und wer dieses nun las und für geschwollenen Kitsch hielt, der piekse sich an jeder Tanne, spüre jedes Weihnachtsplätzchen am Druck seines Hosenknopfs, trete in lauwarme Rentierscheiße und erhalte seine Geschenke alle aus dem online-Shop von Dieter Nuhr.


Frank

Unser Podcast. So lange haben wir noch nie von Aufnahme zu Veröffentlichung gebraucht. Aber wir stehen ja noch ganz am Anfang mit unserem Format. Wir finden uns noch. Mit der Zeit wird das sicher einfacher. Frank und Björn haben wir aufgenommen beim letzten Mal. @Hyp3rfux und @NikSput. Sonntag Abend sollte ich den Link bekommen, um die geschnittene Version gegen zu hören. Gestern hätten wir veröffentlichen können.

Wir haben nicht veröffentlicht. Frank ist nicht mehr da. Frank ist der, von dem sie seit zwei Tagen alle reden.

Wenn ihr vor zwei Tagen seinen Accountnamen bei Twitter eingegeben habt, konntet ihr tausende Tweets lesen. Nach seinen Abschiedstweets, welche Bilder von Tabletten und von Bahngleisen enthielten, folgten verzweifelte Rettungsversuche aus unseren Reihen, es wurde abgetan als attention whoring, Frank wurde angefeindet dafür dass er nicht mehr leben will, oder dafür dass er es erst gesagt hat als es längst zu spät war.

In der Nacht auf Montag war es fast wie ein modernes Märchen. Es schien, als hätten jene beherzten Twitterer, die sofort reagiert haben und den Vorfall bei der Polizei meldeten, das Leben eines jungen Mannes retten können. Selten kommt es vor, dass Twitter ein „WIR“ formt, aber in dieser Nacht waren die Gedanken unzähliger User bei Frank. Doch es gab kein Happy End.

Ich hab das alles erst erfahren, als Frank bereits von den Gleisen geborgen worden war. Schwerstverletzt hieß es. Aber es las sich, als hätte er eine zweite Chance bekommen.

Hat er nicht. Frank ist gestorben. Frank hat sich umgebracht.

Ich hab höchstens vier Stunden meines Lebens damit verbracht, mit Frank zu reden, und zwar nur während besagter Podcastaufnahme. Und trotzdem werde ich noch lange daran denken, was hier geschehen ist. Mich fragen warum. Mich fragen ob man Franks Tweets der letzten Wochen hätte entnehmen müssen, dass er Hilfe braucht. Mich fragen warum so viele Menschen meinen, sich abfällig über das alles äußern zu müssen. Mich fragen, warum Menschen so anmaßend sind, beurteilen zu wollen, was er getan hat. Vor allem frage ich mich, ob er am Sonntag, als er aufgestanden ist, geahnt hat was er tun würde.

Ich werde nicht mehr erfahren was Frank für ein Mensch war. Absurd, denn ich hätte das wahrscheinlich auch nicht erfahren wenn er hätte weiterleben wollen. Jetzt höre ich mir den Podcast an, höre die Stimme eines jungen Mannes der seinem Leben vor nicht mal 48 Stunden selbst ein Ende gesetzt hat und komme nicht umhin, mich zu fragen ob man etwas düsteres in seiner Stimme erkennt. Ob er unglücklich klingt.

Ich kann es nicht hören. Nichts daran klingt nach Ende. Ich höre die Stimme von jemandem, der vielleicht ein wenig schüchtern ist, sympathisch und lustig aus der Versenkung heraus.

Keine Ahnung wieviele Tweets und Blogbeiträge über Frank ich inzwischen gelesen habe. So genau weiß ich auch nicht, warum ich jetzt das Bedürfnis verspüre, dem noch einen hinzuzufügen. Vielleicht ist es, weil wir Sprechwaisen hier einen kleinen Teil einer Person in Ton konserviert haben, die nicht mehr sprechen wird. Vielleicht weil sowohl Frank selbst als auch die User, die sich ins Zeug gelegt haben seinen Selbstmord zu verhindern, mich einmal mehr daran erinnern konnten, dass Menschen hinter den Accounts sitzen und es sich nicht nur um virtuelle Unterhaltungslieferanten handelt.

Für mich werden Franks letzte Worte diese sein: https://twitter.com/hyp3rfux/status/241976892884914176


Abrechnen

Ich bin nicht nachtragend. Ich kann verstehen, vergeben, verzeihen. Ich kann Schwamm drüber sagen und es auch so meinen. Ich kann. Fast immer.

Aber es gibt eine Ausnahme. Eine Erbse unter meiner Matratze des verantwortungsvollen Erwachsenseins. Ich hab weiß Gott genug Probl… Moment. Weiß Gott? Da fängt’s schon an. Wer hat mir denn so blöde Floskeln beigebracht, die ich weder glaube noch unterstütze..? Sofern es einen Gott gibt, dann weiß der von nichts, sonst hätte er keine Pickel erschaffen und ähnliche Annehmlichk…

Was schweif ich denn schon wieder ab?! Komisch, dass es bei dem blöden, großen und leeren Wort Gott passiert ist. Darum geht’s nämlich. Oh. Mann. Tja, Traude, ich widme Dir einen ganzen Blogartikel und schon höre ich mich wieder an wie das aufmüpfige Mädchen von damals. Und ich tu’s trotzdem. Und zudem tu ich’s gern!

Warum ich Dich auf einmal duze, liebe Traude? Weil ich Dir jetzt genauso viel Respekt entgegen bringe, wie Du mir einst. Nämlich keinen.

Traude mag Gott. Traude lehrt nämlich Religion, müsst ihr wissen. Aber nicht mich. Ich habe mich derartigem so früh wie möglich entzogen. Mich lehrte Traude Deutsch in der Oberstufe. Ich musste Goethes Faust und Oskar Matzerath mit ihr teilen. Sie zwang mich an der Seite des Prinzen von Homburg zu reiten und wollte, dass wir alle ein bisschen in Venedig sterben. Es hat mir übrigens nicht geschadet, dass ich noch nie ein Buch von Thomas Mann zu Ende gelesen habe.

Traude zeigte uns romantische Gedichte und buk Sauerkrautkuchen. Weltoffene Philanthropen, wie man sie in allen ländlichen Schulen kennt. Bildungsaffin und mit der Mission, uns alle als ebensolche in die Welt zu entlassen. Zu diesen zählt sich Traude. Und wahrscheinlich zu Recht.

Leider erkennst Du meines Erachtens nur zwei Sorten von Menschen, liebe Traude. Jene, die das Potential haben, so zu werden wie Du. Jene, die Du in der Zukunft als Dir gewachsene, intelligente Studenten sehen kannst, die ihren Weg im Leben ohne Umschweife gehen und deren Erfolg nur ein angenehmer Nebeneffekt ihrer Wissbegierde und des kulturellen Interesses ist. Rechtschaffene Bürger, denen man die Adoleszenz zwar noch in den Gesichtern ansieht, sie aber in ihrem Handeln und ihren Werten nicht mal mehr erahnen kann.

Und dann sind da noch die, denen Du helfen kannst. Problemkinder. Denn die brauchen Dich. Da kann man ganz wunderbar engagiert sein, erntet Beifall und Dankbarkeit und falsch machen kannst Du auch nichts, denn sollten Deine Bemühungen einmal umsonst sein, sind die Umstände ein ebenso dankbarer Schuldiger, der nur zu gern den schwarzen Peter für Dich festhält. Und sollte Deine Hilfe Früchte tragen, so trägst Du diese mit stolzem Strahlen. Wer kann es Dir verdenken?

Das Problem ist, dass Traude genau wie viele andere Lehrer damit den Großteil ihrer Schüler einfach übersieht. Es bleibt nichts als eine graue Masse derer, die zu schüchtern sind um ihr Potential zur Schau zu stellen, oder die sich einfach nicht genug für das interessieren, was Traude zu sagen hat. Mangelnde Begeisterung ist vielleicht für alle Menschen ein persönlicher Affront. Wir alle wollen, dass man an unseren Lippen klebt, da wir das, was wir zu sagen haben, für interessant halten. Und hier stehe jetzt ich, die fragt: HAT MAN EUCH IN EUREN PÄDAGOGIKSEMINAREN DENN NICHT BEIGEBRACHT, WIE MAN DAMIT UMGEHT, WENN NICHT?

Ich bin wohl doch ein bisschen erwachsen geworden, denn genau wie alle Erwachsenen, denen ich niemals nacheifern wollte, komme ich nicht zum Punkt. Ich möchte hier schließlich keine Strafen anprangern, die ich von Dir bekam, oder Aufmerksamkeit für mein vermeintliches Talent einfordern, die ich wahrscheinlich nicht einmal ertragen hätte. Wenn es Strafen gab, hab ich die vielleicht sogar verdient. Dein Lob wäre mir heute ohnehin nichts mehr wert. Von Deinem Verständnis könnte ich meine Miete auch nicht bezahlen.

Mir geht es um etwas ganz anderes, das mich scheinbar heute, nach über sieben Jahren, noch immer genug piekst, dass ich einen ganzen Blogartikel darüber verfasse.

Zwei Jahre lang haben wir zu sechzehnt viele Stunden in einem kleinen Raum verbracht. Zwei Jahre lang haben wir uns nahezu täglich in die Augen gesehen. Zwei Jahre lang war es Dein Job, mir was beizubringen und auf mich einzugehen. Zwei verfickte Jahre lang. Und als wir uns zum letzten Mal sahen, HAST DU MICH IMMER NOCH MICHAELA GENANNT!

Michaela!

Ich mein, HALLO?

Weder klingt mein Name auch nur im Entferntesten wie Michaela, noch hatte ich mit diesem Mädchen auch nur im Entferntesten irgendwas gemeinsam bis auf den breiten Arsch! Dieses Mädchen war das genaue Gegenteil von mir, und ich weiß, es spricht nicht für mich, dass ich diesen Blog jetzt an Dich gerichtet habe. Ich hätte ihn an Michaela richten sollen, die ich jeden Tag auf’s gemeinste verflucht habe, weil sie das letzte war was ich sein wollte. Dabei konnte sie genauso wenig für Deine Verfehlung wie ich, und sie hatte jedes Recht, brav und ungeschminkt und angepasst zu sein und am Wochenende lieber zuhause zu bleiben und ein Buch zu lesen als wie ich mit ihren Freunden einen trinken zu gehen. AUSSERDEM HATTE SIE VERDAMMT NOCH MAL DAS RECHT, VON IHRER LIEBLINGSLEHRERIN MIT DEM RICHTIGEN NAMEN ANGESPROCHEN ZU WERDEN!

Ich bin sicher, Michaela war diese Angelegenheit mindestens so unangenehm wie mir. Warum hätte sie auch mit dem rothaarigen Störenfried verwechselt werden wollen, die man an ihren schwarzen Klamotten und den verschränkten Armen erkannte?

Ich versuch’s jetzt mal versöhnlich, Traude. Du bist Lehrer. Du musst wissen, wer vor Dir sitzt. Es hat Dich zu interessieren, wer Deine Schüler sind, denn Du formst sie für ihr Leben. Lehrer haben Einfluss und das sollte kein Beruf, sondern eine Berufung sein.

Ich hoffe, ich werde Dir irgendwann verzeihen, auch wenn Du Dich nie entschuldigt hast. Und ich hoffe, auch Michaela kann das.

Und um es mit Goethe zu sagen: Allein der Vortrag macht des Redners Glück.

Mit freundlichen Grüßen

VERDAMMT NOCH MAL NICHT MICHAELA!

PS: wie es ebenfalls bei Faust heißt:

„Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen

Gewöhnlich aus dem Namen lesen.“


Julian

Hinter langen Wimpern schauen große Augen zu uns auf. Große, neugierige Augen, die jeden kleinen Reiz aufsaugen. Meistens hat er die ganze Faust im Mund. Manchmal auch das Kinn seiner Mama. Oder das T-Shirt seiner 15-jährigen Cousine, weil er deren Brüste mit denen seiner Mutter verwechselt. Brüste kennt er schließlich nur als zuverlässige Nahrungsquelle. Das wird sich auch noch ändern. Er liegt da unten, zappelt in seinem MaxiCosi rum und ist so niedlich dass man seine Eltern, die ihn in den Raum getragen haben, kaum beachtet. Alle stürzen sich auf dieses kleine Wesen, ein Strauß aus strahlenden Erwachsenenköpfen versperrt ihm gleich die Sicht auf alles andere. Kein Wunder dass er weint. Wer würde dann nicht weinen?

Ein bisschen beneide ich ihn. Er ist ein Baby und er darf jeder Stimmung und jedem Bedürfnis sofort Ausdruck verleihen. Er braucht sich nicht zu scheren um Konventionen und Regeln, er darf weinen und schreien und verzweifeln, und meistens ist bald alles wieder gut. Alle machen alles dafür, dass es gut wird, und das ist richtig. Das gehört so und die Selbstverständlichkeit dessen verhindert, dass beim Klang seines Klagens mein Herzchen bricht.

Vor allem sehe ich ihn an und bin glücklich.

Ich bin glücklich, dass sie, einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, ihn geboren hat. Dass er von vielen Menschen unglaublich geliebt wird und die besten Chancen auf ein tolles Leben hat. Ich bin glücklich, wenn ich sehe, wie glücklich er sie, seine Mutter, macht. Ich bin glücklich, dass ich keinen Funken Neid auf sie verspüre, weil ich nicht die erste war, die die neue Generation in unserer Familie eingeläutet hat. Davor hatte ich Angst. Doch jetzt, wenn ich ihn so ansehe, und er das größte und ehrlichste Strahlen in seinem kleinen Gesichtchen hat, so wie man es ausschließlich von Kindern kennt, da Erwachsene zu einer derart vorbehaltlosen Zufriedenheit gar nicht mehr in der Lage sind… Jetzt, wenn ich ihn in meinen Armen halte und über die wenigen babyweichen Härchen streichele die sein kahles Köpfchen zieren und er mit so viel Kraft an meinen Haaren zieht wie man den winzigen Händchen gar nicht zutraut…

Da bitte ich ihn leise, mir doch beizubringen ein wenig mehr zu sein wie er. Nicht den Teil mit dem in die Windel kacken, nein… sondern den mit dem bedingungslosen Optimismus und der Fähigkeit, die Welt zu nehmen wie sie ist, in sich selbst zu lauschen wie es einem geht, sich Schutz zu suchen und Gehör zu verschaffen.

Ich fürchte fast, die Welt wird auch ihm irgendwann seinen offenen Blick nehmen. Aber ich will meinen Teil dazu beitragen, dass das so lange wie möglich dauert.

Ich mag Dich lieb, kleiner Riese!


Sein

Ja, man kennt das. Jeder sagt Sätze wie: „Das bin ich gar nicht“. Dann wenn er sich selbst überrascht hat. Wenn er was gemacht hat was er für untypisch hält. An sich selbst nicht mag oder womit er sich beeindruckt hat. „Das bin ich gar nicht“. Man ist. Entweder oder. Schwarz oder weiß. Man kann nicht introvertiert und extrovertiert sein. Schüchterne Rampensäue gibt es nicht. Sensibel und resolut. Auch was, das einem keiner abkauft. Man ist. Einmal ein Muster erkannt, schon steckt man fest in diesem Bild. Hat den Stempel auf der Stirn. Steckt in der Schublade. Aber dort ersticken doch all die anderen Facetten.

Ich bin zum Beispiel inkonsequent. Auf meiner Stirn steht „wider besseren Wissens“. Ich zieh nix durch, handele nicht nach dem was ich eigentlich weiß. Ich lasse mich auch viel zu schnell ablenken vom fleißig sein. Gebe Geld aus das ich nicht habe. Inkonsequent inkonsequent inkonsequent. Diese, und einige andere Flaggen hab ich mir selbst gehisst. Etiketten aufgestempelt. Regelrecht eintätowiert. Und mir damit keinen Gefallen getan. So schnell und einfach ruht man sich schließlich drauf aus. Ich kann’s eben nicht besser. Ich BIN halt so. Aber das ist völliger Quatsch!

So leicht will ich es mir nicht mehr machen. Ich bin so viel mehr als ich weiß. Und was ich alles sein kann widerspricht mit Sicherheit oft dem was ich zu sein glaube. Aber solange man einfach nur ist, kann man niemals so sein wie man gerne wäre.

Die Suche nach sich selbst, das habe ich immer für ein geflügeltes Wort gehalten. Aber tatsächlich ist sie eine verdammt spannende Reise, wenn man endlich mal den Mut hat hinzusehen. Man stolpert über sich, manchmal fällt man auf die Schnauze, aber hey – ab und zu ist man vielleicht auch ganz erstaunt darüber, dass man das, was man gerne wäre sogar in sich hat. Und wenn nicht, kann man es vielleicht noch werden. Muss aber nicht.

Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt auch noch grau, und wenn man Glück hat, gibt es sogar schillernd und bunt. Wenn’s mal nur ne Seifenblase war, dann platzt sie halt. Aber so lange sollte man versuchen jede Farbe zu sehen.

Sein ist nicht starr, sein ist ein Prozess. Wir sind nicht nur, wir werden. Was wir waren können wir nicht mehr ändern. Aber wir können uns zur Abwechslung mal genauso genau beobachten wie wir das bei anderen tun und dabei sehr viel lernen.