Ich. Literarisch, emotional, echt.

Archiv für April, 2013

Grauer Ernst

Wenn Du Deine Feinde und Ängste träumst, sollen sie gefälligst auch so aussehen, und nicht plötzlich einschüchternd schön sein, so wie die Realität sie nie malt. In der Realität halten sich alle für die Guten. Den Bösewicht, der kaltblütig einfach so James Bonds Braut erschießt, den gibt es gar nicht so oft. Die meisten denken, sie seien im Recht während sie anderen Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten antun. Das Böse soll kahlköpfig sein und wahnsinnig vor sich hin lachen, während es seine weiße Katze streichelt. Und selbst Blofeld glaubt wahrscheinlich, er sei absolut zurechnungsfähig und handelte nachvollziehbar, wenn auch genial.

Donnie Darko hat Jim Cunninghams Haus angezündet, und dabei einen Kinderpornoring aufgedeckt. Aus der bösen Untat, die der Wahnsinn ihm eingetrieben hat, wurde die heldenhafte Aktion, die der Gesellschaft einen Dienst erwiesen und der Gerechtigkeit genüge getan hat.

Natascha Kampusch hat Grausameres durchlebt als ich mir auch nur im Entferntesten vorstellen kann. Trotzdem wehrt sie sich gegen den Begriff „Stockholm-Syndrom“ inständig. Trotz der ungeheuren Taten des Menschen, der ihr die Jugend gestohlen und sie täglich brutal misshandelt hat, besteht sie darauf dass es normal ist, in dem Täter, der jahrelang der einzige Mensch in ihrem Leben war, auch Gutes zu erkennen. Das mit einer Diagnose abzutun, spricht ihr jegliche Fähigkeit zu empfinden ab.

Sie erkennt Facetten. Ich habe großen Respekt davor, dass sie sich das bewahrt hat, auch wenn ich es nicht in vollem Umfang nachvollziehen kann. Vielleicht kann das niemand, der nur gelesen hat was sie erleben musste.

Wir kategorisieren ja so gerne das Böse. Die Lobbies, den Terror, den Kapitalismus, den wasserköpfigen Staat. Das geht noch weiter. Viele sehen das Böse auch in denen, die ihre Wäsche mit Weichspüler waschen oder weiter bei Amazon kaufen oder ihre Hundekacke nicht aufheben. Die Gesellschaft verteufelt Magermodels, die unserer Jugend ein falsches Schönheitsideal suggerieren, die Burgerketten, die einen von eben diesem Ideal wegtreiben weil sie einem ihren Fraß aufzwingen. Die einen protestieren gegen die Windkrafträder, die die Fauna stören, die anderen gegen die Atomkraftwerke, die uns alle ins Verderben stürzen wenn einer der vielen anderen Feinde eines Tages auf die Idee kommt, sich so eine tickende Zeitbombe zu Nutzen zu machen.

Das Böse ist überall und sieht für jeden anders aus. Facebook, der Fernseher, alles und jeder ist irgendjemandes Lord Voldemort. Feindbild an Feindbild prasseln die verschiedensten Gesichter des Bösen auf uns ein, in den Medien, auf der Straße, in unserem Leben. Sie ändern sich mit der Zeit, genau wie wir selbst, und geben sich die Klinke in die Hand.

Das Gute ist da so viel beständiger. Es bleibt länger und man sieht es lieber und klarer. Und man will auf seiner Seite sein. Ist überzeugt, dass man auch zu den Guten gehört. Das gilt mit Sicherheit für die meisten von uns.

Schwarz und weiß. Gut und Böse. Aber wer Facetten sehen will, der kennt auch Grau. Und der muss in Erwägung ziehen, dass er nicht immer James Bond sein kann. Für irgendjemand anderes ist man vielleicht selbst das Feindbild. Das Böse. Blofeld. Goldfinger. Oder, Gott bewahre, Philipp Rösler.