Ich. Literarisch, emotional, echt.

Abrechnen

Ich bin nicht nachtragend. Ich kann verstehen, vergeben, verzeihen. Ich kann Schwamm drüber sagen und es auch so meinen. Ich kann. Fast immer.

Aber es gibt eine Ausnahme. Eine Erbse unter meiner Matratze des verantwortungsvollen Erwachsenseins. Ich hab weiß Gott genug Probl… Moment. Weiß Gott? Da fängt’s schon an. Wer hat mir denn so blöde Floskeln beigebracht, die ich weder glaube noch unterstütze..? Sofern es einen Gott gibt, dann weiß der von nichts, sonst hätte er keine Pickel erschaffen und ähnliche Annehmlichk…

Was schweif ich denn schon wieder ab?! Komisch, dass es bei dem blöden, großen und leeren Wort Gott passiert ist. Darum geht’s nämlich. Oh. Mann. Tja, Traude, ich widme Dir einen ganzen Blogartikel und schon höre ich mich wieder an wie das aufmüpfige Mädchen von damals. Und ich tu’s trotzdem. Und zudem tu ich’s gern!

Warum ich Dich auf einmal duze, liebe Traude? Weil ich Dir jetzt genauso viel Respekt entgegen bringe, wie Du mir einst. Nämlich keinen.

Traude mag Gott. Traude lehrt nämlich Religion, müsst ihr wissen. Aber nicht mich. Ich habe mich derartigem so früh wie möglich entzogen. Mich lehrte Traude Deutsch in der Oberstufe. Ich musste Goethes Faust und Oskar Matzerath mit ihr teilen. Sie zwang mich an der Seite des Prinzen von Homburg zu reiten und wollte, dass wir alle ein bisschen in Venedig sterben. Es hat mir übrigens nicht geschadet, dass ich noch nie ein Buch von Thomas Mann zu Ende gelesen habe.

Traude zeigte uns romantische Gedichte und buk Sauerkrautkuchen. Weltoffene Philanthropen, wie man sie in allen ländlichen Schulen kennt. Bildungsaffin und mit der Mission, uns alle als ebensolche in die Welt zu entlassen. Zu diesen zählt sich Traude. Und wahrscheinlich zu Recht.

Leider erkennst Du meines Erachtens nur zwei Sorten von Menschen, liebe Traude. Jene, die das Potential haben, so zu werden wie Du. Jene, die Du in der Zukunft als Dir gewachsene, intelligente Studenten sehen kannst, die ihren Weg im Leben ohne Umschweife gehen und deren Erfolg nur ein angenehmer Nebeneffekt ihrer Wissbegierde und des kulturellen Interesses ist. Rechtschaffene Bürger, denen man die Adoleszenz zwar noch in den Gesichtern ansieht, sie aber in ihrem Handeln und ihren Werten nicht mal mehr erahnen kann.

Und dann sind da noch die, denen Du helfen kannst. Problemkinder. Denn die brauchen Dich. Da kann man ganz wunderbar engagiert sein, erntet Beifall und Dankbarkeit und falsch machen kannst Du auch nichts, denn sollten Deine Bemühungen einmal umsonst sein, sind die Umstände ein ebenso dankbarer Schuldiger, der nur zu gern den schwarzen Peter für Dich festhält. Und sollte Deine Hilfe Früchte tragen, so trägst Du diese mit stolzem Strahlen. Wer kann es Dir verdenken?

Das Problem ist, dass Traude genau wie viele andere Lehrer damit den Großteil ihrer Schüler einfach übersieht. Es bleibt nichts als eine graue Masse derer, die zu schüchtern sind um ihr Potential zur Schau zu stellen, oder die sich einfach nicht genug für das interessieren, was Traude zu sagen hat. Mangelnde Begeisterung ist vielleicht für alle Menschen ein persönlicher Affront. Wir alle wollen, dass man an unseren Lippen klebt, da wir das, was wir zu sagen haben, für interessant halten. Und hier stehe jetzt ich, die fragt: HAT MAN EUCH IN EUREN PÄDAGOGIKSEMINAREN DENN NICHT BEIGEBRACHT, WIE MAN DAMIT UMGEHT, WENN NICHT?

Ich bin wohl doch ein bisschen erwachsen geworden, denn genau wie alle Erwachsenen, denen ich niemals nacheifern wollte, komme ich nicht zum Punkt. Ich möchte hier schließlich keine Strafen anprangern, die ich von Dir bekam, oder Aufmerksamkeit für mein vermeintliches Talent einfordern, die ich wahrscheinlich nicht einmal ertragen hätte. Wenn es Strafen gab, hab ich die vielleicht sogar verdient. Dein Lob wäre mir heute ohnehin nichts mehr wert. Von Deinem Verständnis könnte ich meine Miete auch nicht bezahlen.

Mir geht es um etwas ganz anderes, das mich scheinbar heute, nach über sieben Jahren, noch immer genug piekst, dass ich einen ganzen Blogartikel darüber verfasse.

Zwei Jahre lang haben wir zu sechzehnt viele Stunden in einem kleinen Raum verbracht. Zwei Jahre lang haben wir uns nahezu täglich in die Augen gesehen. Zwei Jahre lang war es Dein Job, mir was beizubringen und auf mich einzugehen. Zwei verfickte Jahre lang. Und als wir uns zum letzten Mal sahen, HAST DU MICH IMMER NOCH MICHAELA GENANNT!

Michaela!

Ich mein, HALLO?

Weder klingt mein Name auch nur im Entferntesten wie Michaela, noch hatte ich mit diesem Mädchen auch nur im Entferntesten irgendwas gemeinsam bis auf den breiten Arsch! Dieses Mädchen war das genaue Gegenteil von mir, und ich weiß, es spricht nicht für mich, dass ich diesen Blog jetzt an Dich gerichtet habe. Ich hätte ihn an Michaela richten sollen, die ich jeden Tag auf’s gemeinste verflucht habe, weil sie das letzte war was ich sein wollte. Dabei konnte sie genauso wenig für Deine Verfehlung wie ich, und sie hatte jedes Recht, brav und ungeschminkt und angepasst zu sein und am Wochenende lieber zuhause zu bleiben und ein Buch zu lesen als wie ich mit ihren Freunden einen trinken zu gehen. AUSSERDEM HATTE SIE VERDAMMT NOCH MAL DAS RECHT, VON IHRER LIEBLINGSLEHRERIN MIT DEM RICHTIGEN NAMEN ANGESPROCHEN ZU WERDEN!

Ich bin sicher, Michaela war diese Angelegenheit mindestens so unangenehm wie mir. Warum hätte sie auch mit dem rothaarigen Störenfried verwechselt werden wollen, die man an ihren schwarzen Klamotten und den verschränkten Armen erkannte?

Ich versuch’s jetzt mal versöhnlich, Traude. Du bist Lehrer. Du musst wissen, wer vor Dir sitzt. Es hat Dich zu interessieren, wer Deine Schüler sind, denn Du formst sie für ihr Leben. Lehrer haben Einfluss und das sollte kein Beruf, sondern eine Berufung sein.

Ich hoffe, ich werde Dir irgendwann verzeihen, auch wenn Du Dich nie entschuldigt hast. Und ich hoffe, auch Michaela kann das.

Und um es mit Goethe zu sagen: Allein der Vortrag macht des Redners Glück.

Mit freundlichen Grüßen

VERDAMMT NOCH MAL NICHT MICHAELA!

PS: wie es ebenfalls bei Faust heißt:

„Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen

Gewöhnlich aus dem Namen lesen.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s