Ich. Literarisch, emotional, echt.

Julian

Hinter langen Wimpern schauen große Augen zu uns auf. Große, neugierige Augen, die jeden kleinen Reiz aufsaugen. Meistens hat er die ganze Faust im Mund. Manchmal auch das Kinn seiner Mama. Oder das T-Shirt seiner 15-jährigen Cousine, weil er deren Brüste mit denen seiner Mutter verwechselt. Brüste kennt er schließlich nur als zuverlässige Nahrungsquelle. Das wird sich auch noch ändern. Er liegt da unten, zappelt in seinem MaxiCosi rum und ist so niedlich dass man seine Eltern, die ihn in den Raum getragen haben, kaum beachtet. Alle stürzen sich auf dieses kleine Wesen, ein Strauß aus strahlenden Erwachsenenköpfen versperrt ihm gleich die Sicht auf alles andere. Kein Wunder dass er weint. Wer würde dann nicht weinen?

Ein bisschen beneide ich ihn. Er ist ein Baby und er darf jeder Stimmung und jedem Bedürfnis sofort Ausdruck verleihen. Er braucht sich nicht zu scheren um Konventionen und Regeln, er darf weinen und schreien und verzweifeln, und meistens ist bald alles wieder gut. Alle machen alles dafür, dass es gut wird, und das ist richtig. Das gehört so und die Selbstverständlichkeit dessen verhindert, dass beim Klang seines Klagens mein Herzchen bricht.

Vor allem sehe ich ihn an und bin glücklich.

Ich bin glücklich, dass sie, einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, ihn geboren hat. Dass er von vielen Menschen unglaublich geliebt wird und die besten Chancen auf ein tolles Leben hat. Ich bin glücklich, wenn ich sehe, wie glücklich er sie, seine Mutter, macht. Ich bin glücklich, dass ich keinen Funken Neid auf sie verspüre, weil ich nicht die erste war, die die neue Generation in unserer Familie eingeläutet hat. Davor hatte ich Angst. Doch jetzt, wenn ich ihn so ansehe, und er das größte und ehrlichste Strahlen in seinem kleinen Gesichtchen hat, so wie man es ausschließlich von Kindern kennt, da Erwachsene zu einer derart vorbehaltlosen Zufriedenheit gar nicht mehr in der Lage sind… Jetzt, wenn ich ihn in meinen Armen halte und über die wenigen babyweichen Härchen streichele die sein kahles Köpfchen zieren und er mit so viel Kraft an meinen Haaren zieht wie man den winzigen Händchen gar nicht zutraut…

Da bitte ich ihn leise, mir doch beizubringen ein wenig mehr zu sein wie er. Nicht den Teil mit dem in die Windel kacken, nein… sondern den mit dem bedingungslosen Optimismus und der Fähigkeit, die Welt zu nehmen wie sie ist, in sich selbst zu lauschen wie es einem geht, sich Schutz zu suchen und Gehör zu verschaffen.

Ich fürchte fast, die Welt wird auch ihm irgendwann seinen offenen Blick nehmen. Aber ich will meinen Teil dazu beitragen, dass das so lange wie möglich dauert.

Ich mag Dich lieb, kleiner Riese!

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