Ich. Literarisch, emotional, echt.

Erinnerung

Das erste Jahr, in dem ich Deinen Todestag vergessen habe. Das zehnte, ausgerechnet. Das erste Mal, dass Du mir mehrere Monate lang nicht im Traum erschienen bist. Ich weiß nicht mal, wie ich dazu kam plötzlich an Deinem Grab zu stehen. Zufälle, viele davon, aneinander gereiht wie kleine Glasperlen auf einer Kette. Völlig bedeutungslos als einzelne, aber sinnig im Ganzen.

Das erste Mal, dass ich keine Blume für Dich hatte. Aber auch das erste Mal seit Jahren, dass ich Fuß auf den Friedhof setzte, der viel zu früh Deine letzte Ruhestätte wurde.

Ich denke nicht gern an Dich. Du hast zwei Mal mein Leben verändert, in kürzester Zeit. Du warst der erste, den ich liebte. Die Welt stand still als Du mich verlassen hast. Tatsächlich kamst Du wieder. Vier Tage später warst Du tot. Dein Herz stand still, und ich konnte nicht begreifen dass alle sagten, die Welt würde sich weiter drehen. Du warst der erste, der mich Vergänglichkeit lehrte.

Tausendmal hätte ich den Schmerz meines gebrochenen Herzens neu durchlebt, hätte Deins dafür weiter schlagen dürfen.

Achtzehn warst Du, VERDAMMT!

Ich war aus dem Takt, für lange Zeit. Ich wurde eine andere. Die Trauer um Dich hielt lange an, doch fast noch länger die Wut auf das was sie Schicksal nennen. Ich fragte mich so viele Jahre lang, wie ich heute wäre, wärst Du nicht einfach gestorben. Ob ich mir mehr von der Unbeschwertheit meiner Jugend hätte bewahren können, ob ich an Gott glauben könnte, ob ich Optimistin geblieben wäre und nicht ständig ein WARUM??? hinter meiner Stirn trüge. Vielleicht stünde mir dann heute meine Nachdenklichkeit nicht ständig im Weg wie ein starrer Betonklotz. Vielleicht hätte ich aber auch nur auf einem anderen Weg zu meinem heutigen Selbst gefunden.

Die Frage, wie Du heute wärst, würdest Du noch leben, die tauchte erst jetzt auf. Das kam mir gar nicht in den Sinn. In meinem Kopf warst Du immer noch 18 und wirst es immer bleiben.

Du wärst 28, Du könntest Kinder haben, eine Frau, das Leben das für Dich gedacht war. Das Leben das Du verdient gehabt hättest. Doch kaum hatte es begonnen, da war es schon vorbei.

Hättest Du mich doch bloß beim zweiten Mal genauso verlassen wie beim ersten Mal. Dich nur umgedreht und den Weg geändert, statt ihn zu beenden… Die Tränen, die ich vergossen hatte bei dem Ende von „uns“, sie wirken lächerlich profan neben jenen, die wir alle weinten nach dem Ende Deines Seins.

Ich bin wieder im Takt. Intakt. Aber vergessen werde ich Dich wohl niemals. Nur verschwimmt der, der Du warst immer mehr; was gestochen scharf ist, ist die Erinnerung an diesen grausamen Schmerz und das Wissen über die Ungerechtigkeit die sich Leben nennt.

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Eine Antwort

  1. Ich glaube ich bin nicht in der Lage, einen Kommentar zu schreiben, der diesem Artikel gerecht wird. Musste ich los werden.

    Oktober 2, 2011 um 18:08

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