Ich. Literarisch, emotional, echt.

Sternschnuppe

Tante Wiki sagt, Sternschnuppen sind kleine Meteore. Ich sage, Sternschnuppen sind wunderschön.

Ich hab erst einmal eine gesehen. Habe inne gehalten, sie bewundert. Sekunden. Nicht länger. Dann lief die Zeit einfach weiter. Ich weiß nicht mal mehr was ich getan hab als es passiert ist. Ich weiß nicht mehr wo ich war, oder mit wem. Das macht mich traurig.

Ich denke oft daran, wer diese Sternschnuppe wohl noch gesehen hat. Ob diese Menschen sich noch daran erinnern was sie getan haben.

Ich denke an eine Frau. Irgendwo auf dem Land. Ihr Ehemann kommt aus der Kneipe. Besoffen. Die Kinder liegen schon im Bett und schlafen, sie hat die Hausarbeit erledigt und ist müde. Er will vögeln, sie will sich verweigern. Er lässt sie nicht. Während er sich nimmt, wovon er meint dass es ihm zusteht, sieht sie durch einen Tränenschleier aus dem Fenster und entdeckt meine Sternschnuppe. Sie hat ganz sicher nur einen einzigen Wunsch. Dass es bald vorbei ist.

Ich denke an ein Paar. Irgendwo in der Stadt. Sie sitzen an einer Bushaltestelle und führen das Gespräch fort, zu dessen Ende sie im Restaurant nicht gekommen sind. Sie wollen verschiedene Dinge. Sie lieben sich nicht mehr genug. Sie haben Angst einander gehen zu lassen und hoffen auf den heilenden Kompromiss. Doch in ihrem tiefsten Innern wissen sie, dass es den nicht geben wird. Weil sie das Gesicht des andern nicht mehr ansehen können, blicken sie zum Himmel und sehen meine Sternschnuppe. Sie haben ganz sicher nur einen einzigen Wunsch. Dass es noch eine Chance für sie gibt.

Ich denke an einen alten Mann. Seine Frau ist schon seit Jahren tot und er vermisst sie jeden Tag aufs Neue. Ohne sie ist sein Leben nichts mehr wert. Jeder Tag ist eine Qual. Schlaf kennt er gar nicht mehr. Seine Kinder führen ihr eigenes Leben und er will es ihnen nicht beschweren. Deshalb behält er seinen Kummer für sich, jeden einzelnen Tag. Er ist am späten Abend zum Friedhof gegangen. Er steht am Grab der Liebe seines Lebens und weint weil sie nie wieder kommt. Dann fällt ihm meine Sternschnuppe auf. Er hat ganz sicher nur einen einzigen Wunsch. Dass er bald bei seiner Liebsten sein darf.

Ich denke an ein Mädchen. Sie hat sich mit ihren Freunden auf einer Party besinnungslos getrunken. Am Anfang war alles noch ganz lustig. Sie hat mit Kevin geknutscht und er hat ihr sogar an die Brust gefasst. Aber sie trinkt zum ersten Mal, und deshalb ist sie schnell außer Gefecht. Das finden die anderen weniger lustig. Kevin und seine Freunde haben sie in ihrer eigenen Kotze liegen lassen. Wahrscheinlich haben sie sich geekelt. Als sie die Augen aufschlägt, sieht sie erst gar nichts. Dann sieht sie die Sternschnuppe durch das Dachfenster des Gästebades der Eltern der Gastgeberin. Sie hat sicher nur einen Wunsch. Dass sie sich nie wieder so fühlen wird.

Ich ersinne unzählige solcher Szenarien. Die einen dramatisch, die andern alltäglich. Manche unendlich traurig, andere profan. Dies ließe sich endlos fortführen.

In Wahrheit hätte keiner meiner Protagonisten meine Sternschnuppe bemerkt. Wäre mir an jenem Abend etwas widerfahren, woran ich mich heute noch erinnern könnte, dann hätte ich sie auch nicht gesehen. Hätte ich an diesem Tag einen Wunsch gehabt, so groß und so wichtig und in diesem Moment so bedeutend für mich wie die Wünsche der von mir erdachten Gestalten, so würde ich es noch wissen und könnte berichten, ob er sich erfüllt hat. In den von mir ersonnenen Szenarien hat man keinen Blick für die Sterne am Himmel.

Keinen dieser fiktiven Charaktere beneide ich um sein persönliches Drama, und doch wüsste ich gerne, was ich da getan habe, als ich meine einzige Sternschnuppe gesehen hab.

Ich denke auch an Dich. Was hast du wohl gemacht, damals, als ich meine Sternschnuppe gesehen hab? Vielleicht hast Du sie auch gesehen. Einfach so. Vielleicht hast Du dir was gewünscht dabei. Vielleicht hat es sich erfüllt.

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