Ich. Literarisch, emotional, echt.

Das Mädchen

Es war einmal eine Frau. Wir sollten sie Mädchen nennen. Das mag sie lieber. Dieses Mädchen hatte einen Freund. Dieser Freund schrieb an einem Roman. Groß raus zu kommen war sein Plan.

Die Eltern des Mädchens belächelten das. Einen Roman schreiben. Sowas schaffen normale Menschen doch gar nicht. Das ist mit den richtig richtig tollen Sachen so, wie mit den richtig richtig schlimmen. Die passieren nur anderen. Man meint, das sei eine Art Deal mit dem Schicksal. Wenn man nicht nach den Sternen greift, bleibt dafür die Hölle geschlossen.

Natürlich stimmt das nicht. Das Schicksal hielt sich nicht dran. Schlimme Dinge passierten. Da waren weder unser Mädchen noch dessen Eltern sicher vor. Doch gerade in diesen Momenten wendet man sich nicht an das Schicksal und fordert die Sterne ein, die einem verwehrt geblieben sind in der Hoffnung, dass man sich nur ruhig verhalten muss und dann alles moderat mittelgut wird. Nein, dann trauert man und braucht seine ganze Kraft um wieder aufzustehen.

Der Roman des Mädchenfreundes wurde lange nicht fertig. Die Eltern hatten also lange Zeit, die Idee als Traumtänzerei abzutun. Als Arroganz. Als Realitätsverlust. Man solle sich doch auf die wesentlichen Dinge konzentrieren und den Kopf auf den Schultern tragen statt in den Wolken.

Eines Tages hielt das Mädchen den Roman ihres Freundes in den Händen. Unabhängig davon wo sie derzeit standen, war sie sehr stolz auf ihn. Er hatte nach Jahren vollbracht, was er sich vorgenommen hatte. Er hatte ein Buch geschrieben. Ein richtiges Buch! 400 Seiten, die sie an einem Tag las.

Sie erzählte ihren Eltern davon. Sie wollte ihnen sagen, dass sowas in der Wirklichkeit eben auch passieren kann. Dass man sich nicht immer nur abfinden muss mit dem, was der Alltag einem bietet und was die Vernunft uns diktiert. Träume können wahr werden. Mutter könnte ihr Glück wieder finden und Vater könnte vielleicht tatsächlich irgendwann den wilden Westen bereisen.

…aber sie hörten sie nicht. Sie sagten, er würde keinen Verleger finden. Sie sagten, 99 Prozent der eingereichten Manuskripte würden abgelehnt werden. Sie sagten, er solle doch dann endlich Ruhe geben und sein Leben in den Griff kriegen, jetzt wo die fixe Idee aus seinem Kopf verschwinden könne.

Das Mädchen war traurig. Nicht wegen des Freundes.

Sie sah es wieder genau vor sich. Sie war noch klein, sie lachte und malte viel, sie sang und spielte. Sie hatte Träume, damals als Kind. Aber wenn sie sang, sagten sie ihr sie solle es lassen. Es klinge wie…nun ja, es folgte ein rhetorisch wenig anspruchsvolles Wortspiel von einer Ziege und einem Trommelfell. Meistens. Wenn sie malte sah niemand hin. Wenn sie schrieb, ein paar Jahre später, dann wollte es niemand lesen. Und wenn, dann erntete sie nichts als mildes Interesse und kleine Zeugnisse ihrer Mittelmäßigkeit in den Augen ihrer Eltern. Kein einziges Volleyballspiel hatten sie sich angesehen, in den sechs Jahren in denen sie die Gelegenheit hatten. Sie blieben nicht bis zu dem Abimusical, das sie mit verfasst hatte. Sie gingen vorher nach Hause.

Dabei waren das doch nicht alles hohle Träume. Es waren Talente und die lagen brach. Das Mädchen ist dankbar für jedes Kind, dessen Träume nicht zertreten, sondern gefördert werden. Sie ist froh, dass noch was von ihren eigenen übrig ist, denn auch träumen allein vermag uns ein Stück weit glücklich zu machen.

Vielleicht schreibt das Mädchen selbst irgendwann ein Buch, oder näht ein Kleid, oder malt ein Bild. Und sie wird Menschen haben denen sie es zeigen will. Auch wenn diese nicht ihre Eltern sind. Den Eltern hat sie seit ihrem Diplom nichts mehr gezeigt.

Advertisements

3 Antworten

  1. Ich will das Buch auch mal lesen!

    August 12, 2011 um 21:03

  2. na an DER Quelle sitz ich zum Glück nicht mehr. Sollte sich aber ein Verleger finden hör ich das bestimmt über drei Ecken und sag Dir Bescheid!

    August 12, 2011 um 21:13

  3. Ja bitte, dann hast du ihm sogar schon einen Käufer vermittelt. Ich erwarte, dass er Dir dafür Provision zahlt 😉

    September 1, 2011 um 20:41

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s