Ich. Literarisch, emotional, echt.

Phantomschmerzen

Ich hab mir ein Bein abgehackt. Metaphorisch gesehen.

Das Bein ist ein Mensch, der mich zehn Jahre begleitet hat. Ein Mensch, von dem ich tatsächlich zeitweise dachte, er würde dies mein Leben lang tun. Ein Mensch den ich glaubte zu kennen.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Dieser Mensch war mir lange eine wichtige Stütze. Er begegnete mir als ich 15 war und ich glaube er hat mich geliebt. Einst. Und ich liebte ihn wider und stützte auch ihn. Ich war ihm auch ein Bein. Wir trugen einander. Ich trug ihn weiter als ich es vermochte. Irgendwann trug nur noch ich ihn, und er verließ sich darauf.  Mein Bein wurde krank. Es stützte mich nicht mehr.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Aus dem was ich für Liebe hielt wurde etwas wenig liebenswertes. Der Mensch, den ich für meinen Gefährten hielt, hasst sich selbst. Ich hielt ihn davon ab, sich weh zu tun. Dafür tat er mir weh. Die Zukunft, die ich vor Augen hatte, zerfiel zu Staub. Genauer gesagt wurde sie zertreten. Dieser Mensch war ein Teil von mir, aber unsere Verbindung war krank und entzündet und brachte nur noch Pein.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Ich habe versucht uns zu heilen. Ich habe versucht an uns zu glauben. Ich hielt fest und hab gekämpft. Ich hätte alles getan um zurück zu holen was wir einst waren. Aber dieses „uns“ gab es nichts mehr. Man tat mir weh und ich ließ es zu.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Nach all den Jahren musste ich erkennen, dass alles was mich hielt die Angst war, alleine zu laufen. Ohne meine Stütze. Ohne diese Person, die mich hat erwachsen werden sehen und durch die ich wurde wie ich heute bin. Eine Welt, in der er nicht existierte, war nicht vorstellbar für mich. Dabei habe ich die Tatsache verdrängt, dass ich nur ohne ihn wieder glücklich werden konnte. Dass der Schmerz, den er mir täglich bereitete, unerträglich geworden war. Dass eine Welt ohne ihn eine bessere Welt sein könnte.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Er nahm meine Unterstützung, und gab mir nichts zurück. Ich wurde immer schwächer und konnte ihn nicht mehr tragen. Ich habe vergessen wer ich war und wie es ist wenn man etwas fühlt. Alles was ich tat war aushalten. Das Pochen dieses Schmerzes wurde lauter und lauter. Unsere Bindung war nur noch ein Schatten dessen was ich vor mir sah. Sehen wollte. Aber ich bildete mir lange ein, ich könnte es zurück holen.

Ich hab mir ein Bein abgehackt.

Und das war richtig. Nur so konnte ich heilen. Ich musste ihn verlassen um nicht selbst zu vergehen. Von mir war doch sowieso kaum noch was übrig. Ich war eine leere apathische Hülle, und das was einst Liebe gewesen war, war zu einer schmerzhaften schreienden Entzündung mutiert, die nicht mehr genesen konnte. Das Bein musste ab.

Also hab ich mir ein Bein abgehackt.

Ich ließ ihn zurück. Er hat nicht versucht mich zu halten. Er sagt, er hat nicht gekämpft weil er nicht wisse was er mir noch alles anzutun vermocht hätte. Ich glaube aber er hat nicht gekämpft, weil ich ihm ohnehin keine Stütze mehr war. Ich war nutzlos geworden. Alle Worte, die gesagt werden konnten, um mir weh zu tun, waren gesagt. Alles weitere ging ins Leere. Dadurch, dass es mir nicht mehr hätte schlechter gehen können, ging es ihm auch nicht mehr besser. Ich konnte ihm nichts mehr geben. Ich war leer.

Ich kann gut leben ohne dieses metaphorische Bein. Ich vermisse dieses Bein nicht. Es gibt Momente, in denen ich Schmerzen habe. Phantomschmerzen. Es ist nicht der Verlust, der mir weh tut. Der Verlust tat mir gut. Aber wenn man so viele Jahre mit jemandem verbracht hat und Höhen und Tiefen durchlebt -ja, einst gab es auch Höhen- dann ist da dieses schwarze Loch neben einem Selbst.

Es ist eben so, als habe man sich ein Bein abgehackt. Ein krankes, entzündetes, lebensgefährliches Bein. Gerade noch rechtzeitig.

Zumindest hoffe ich, dass es nicht zu spät war. Dass der Schaden, den ich dabei davon getragen habe, sich in Grenzen hält. Ich hoffe es. Und dass ich noch in der Lage bin zu hoffen, ist ein gutes Zeichen.

Aber was weiß ich schon. Ich hab mir ein Bein abgehackt. Im letzten Moment.

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